Anleitung zum Burn-out: ArbeitLesedauer 6 Min.

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Ein Burn-Out ohne Arbeit wäre vergleichbar mit einem alkoholfreien Bier: Kann man sich antun, aber wozu? Denn letztlich strebst du ja an, der Arbeitswelt durch deinen Burn-out ein vorrentliches Schnippchen zu schlagen.

Paradoxes System

Dass du das nur über den Umweg chronischer Überarbeitung erreichen kannst, dürfte dich als geschulten Kenner des Raubtierkapitalismus eigentlich nicht weiter irritieren. Schließlich ist das nur eine der täglichen Parodoxien, über die wir wie selbstverständlich die Achseln zucken:

  • Wir werden immer reicher, damit wir uns ordentlich Sorgen über den drohenden Verlust unseres Vermögens machen können.
  • Durch ziellose Produktion sorgen wir für die globale Erwärmung und freuen uns dann wahnsinnig über die neu angeschaffte Klimaanlage im Büro.
  • Wir nutzen unseren wachsenden Reichtum, um uns an immer größeren Autos zu freuen. Gemeinsam mit anderen Menschen, die sich auch an großen Autos freuen, stehen wir dann auf überfüllten Straßen und regen uns über die Dummheit derjenigen auf, die sich an großen Autos freuen, obwohl die Straßen völlig überfüllt sind.
  • Wir spenden morgens für die geschundenen Kaffeebauern in den Entwicklungsländern unsere hart erarbeitete Gehaltserhöhung und freuen uns nachmittags, dass wir die Melitta Auslese oder den Dallmayr Prodomo gerade im Sonderangebot bekommen haben.

Und so müssen wir eben auch hart dafür arbeiten, unseren wohlverdienten Burn-out genießen zu können.

Arbeit macht das Leben süß

Arbeit ist das halbe Leben, wie ja schon der Volksmund weiß. Und wenn du dich glücklich und erschöpft über die Ziellinie des Burn-out-Marathons schleppen möchtest, sollte dir klar sein, dass die andere Hälfte in Zukunft aus noch mehr Arbeit bestehen wird.

Und du solltest auch nicht darauf warten, dass die Überarbeitung einfach von selbst einsetzt, auch wenn die Chancen dafür besonders in Großkonzernen, Agenturen und Beratungen dafür inzwischen ziemlich gut stehen. Der wahre Burn-out-Aspirant beweist Eigeninitiative, sorgt aktiv für seine Überforderung, selbstverständlich nicht, ohne sich dabei unrealistisch hohe Ziele zu setzen.

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Der Weg ins Glück

Auch wenn der Begriff des Burn-outs ursprünglich aus der Welt der sozialen Berufe stammt, musst du heutzutage nicht unbedingt  eine Arbeit als Altenpfleger oder Krankenschwester antreten, um dein Ziel zu erreichen – auch wenn diese Berufe den Erfolg praktisch noch immer garantieren. So hat auch der Pflegenotstand etwas Gutes.

Nachfolgend einige konkrete Tipps, wie du auf eine Burn-out-kompatible Arbeitsbelastung kommen kannst.

Schichtdienst: Ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt …

Es gibt kaum einen besseren Weg, um seinem Biorhythmus nachhaltig zu schädigen, als regelmäßige Schichtarbeit. Das Überforderungsgefühl stellt sich nach ein paar durchwachten Nächten praktisch von selbst ein. Besonders günstig ist es, wenn du dich als Springer meldest, der nach ein bis zwei Nachtschichten und einem Tag Pause für drei Tage in die Frühschicht wechselt, um dann gleich danach wieder bei Sonnenuntergang die Stechuhr zu drücken. Eine Stelle zum Mindestlohn sorgt für zusätzliche Belastungen, die du möglichst mitnehmen solltest. Achte auf jeden Fall auch auf nicht ausreichende Ruhezeiten. Du wirst merken, dass du auf dem richtigen Weg bist, wenn du

  • beginnst, regelmäßig Sonnenauf- und untergänge  zu verwechseln
  • den Bäcker beim Brötchenkauf am Sonntagmorgen mit “Guten Abend” begrüßt.

Dienstreisen: Driving home for Christmas …

Nicht ganz so effizient wie Schichtdienst, aber auf jeden Fall empfehlenswert, sind regelmäßige Dienstreisen. Vielleicht hast du sowieso Glück und sitzt als Manager, Unternehmensberater o. ä. regelmäßig im Rote-Augen-Flieger nach Frankfurt – oder pendelst sogar zwischen verschiedenen Zeitzonen. Wenn nicht, bemühe dich aktiv um eine Arbeit in deinem Betrieb, die mit einem ordentlichen Reisepensum verbunden ist. Solche Tätigkeiten bieten dir außerdem hervorragende Synergien mit anderen Burn-out-Boostern wie Schlaf und Ernährung. Auch was Familie, Beziehung, Freundschaften und andere soziale Kontakte angeht, lässt sich festhalten: Reisen bildet – und nach deiner Heimkehr wird niemand mehr da sein, um sich mit dir über deine Erfahrungen zu unterhalten.

Vorgesetzte: Killing me softly …

Vielleicht hast du das Pech, einen Vorgesetzten zu haben, der sich für das Wohlergehen und die Entwicklung seiner Mitarbeiter interessiert. Keine Sorge: Das wird nicht von Dauer sein. Denn letztlich gibt es nur zwei Möglichkeiten:

  1. Aufgrund der von seinen Vorgesetzten ständig angehobenen Zielen – Stichwort Raubtierkapitalismus – wird dein Vorgesetzter die Schraube deiner Arbeitsbelastung immer weiter anziehen müssen.
  2. Dein Chef weigert sich, den auf ihn ausgeübten Druck an seine Mitarbeiter weiterzugeben. Dann ist mit baldigem Austausch gegen ein dem Unternehmensziel dienlicheren Exemplar zu rechnen.

Mit ein wenig Geduld wirst du also früher oder später einen Vorgesetzten haben, der dir hilft, deinem Burn-out-Ziel ganz automatisch näherzukommen. Mit etwas Glück verlagern sich die sachlichen Streitpunkte darüber hinaus nach kurzer Zeit aufs Persönliche, was den Prozess deutlich beschleunigen hilft.

Aufgaben: Sing a little bit of that working man blues …

Du siehst Sinn in deinen Aufgaben? Hast das große Ganze stets im Blick? Freust dich an guten Arbeitsergebnissen? Versuchst deine Handlungsspielräume aktiv zu erweitern? Der kurz gefasste Rat: Tue genau das Gegenteil.

Mitarbeiter: Alles muss man selber machen lassen …

Wenn du noch keine Mitarbeiter hast, solltest du dich anstrengen, möglichst bald eine Führungsposition zu erreichen. Besonders im leckeren Sandwich des mittleren Managements bist du für einen Burn-out geradezu prädestiniert. Unrealistische Ziele und Druck von oben, demotivierte und widerspenstige Mitarbeiter von unten. Lass es dir schmecken.

Kollegen: Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste …

Wenn du noch zu der Sorte Arbeitnehmer gehörst, die sich mit dem Gedanken “Zum Glück habe ich wenigstens nette Kollegen” auf den Weg zur Arbeit machen, wird es Zeit, umzudenken. “Geschäft ist Krieg“, wie ein schönes Filmzitat heißt – und du solltest dir schleunigst klar machen, dass deine Armee aus genau einer Person besteht: dir.

Nerven dich nicht schon lange diese ganzen kleinen Marotten deiner Kollegen? Wenn die Müller sich schnäuzt, klingt das doch wie auf der Krankenstation bei einem Ebola-Ausbruch. Und wie der Maier schon atmet, geht das umallesinderWeltHimmelnochmalverdammtescheiße nicht auch leiser? Wenn du Huber noch einmal in der Kantine gegenübersitzt und ihm dabei zusehen musst, wie er das Schwein auf seinem Teller verschlingt, als hätten er und selbiges die gleichen Vorfahren. Und wenn Jäger dir noch einmal von seinem letzten Mallorca-Urlaub (“Ein Super-Schnapper, nur dreineunundneunzig mit Halbpension für zwei Personen inklusive Transfer und Strandzugang und so sauber”) erzählt, fängst du an zu schreien. Beginnt dein Blutdruck langsam zu steigen? Dann bist du auf dem richtigen Weg.

Projekte: Wenn es nicht hart ist, ist es nicht …

Solltest du in deiner jetzigen Arbeit unerwarteterweise noch keine Überforderung verspüren, bemühe dich aktiv um zusätzliche Projekte. Geeignete Aufgaben erkennst du

  • am Namen: Wenn das Wort “Strategie” auftaucht, kannst du dir sicher sein, dass das Projekt niemals zum Abschluss kommt und keinerlei praktische Relevanz haben wird. Diese gefühlte Sinnlosigkeit ist bei der Entwicklung eines Burn-outs nicht zu unterschätzen.
  • am Inhalt: Wird dir das Projekt mit Worten wie “das wird zwar einigen hier im Haus nicht gefallen” oder “als Ergebnis der Analyse von McKinsey/BCG/Accenture haben wir dieses Projekt aufgesetzt” übertragen, kannst du dich freuen. Du hast einen richtigen Burn-out-Booster erwischt. Frustration, persönliche Angriffe und Demütigungen und ein nicht zu stemmender Aufgabenumfang erwarten dich.
  • an den dir zugeordneten Mitarbeitern: Du siehst dich einigen Kollegen gegenüber, von denen du eigentlich dachtest, dass sie letzes Jahr in Rente gegangen wären? Mindestens zwei der Projektteilnehmer hast du trotz deiner zehnjährigen Zugehörigkeit zum Unternehmen noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen, nicht einmal auf der Toilette? Bestens, die Voraussetzungen, dass du praktisch alles alleine machen musst (und dabei grandios scheiterst), sind erfüllt.

In diesem Sinne: An die Arbeit.

Jetzt mal im Ernst

Falls du lachen mussten – großartig. Und wenn du noch mehr lachen möchtest, lies am besten die ganze Serie “Anleitung zum Burn-Out“.

Wenn Du Dich dagegen jetzt fragst, wozu dieser Text gut sein soll, hier noch ein paar erläuternde Worte. Viele Menschen mit körperlichen oder seelischen Beschwerden fühlen einen gewaltigen und manchmal nur schwer zu ertragenden Leidensdruck.

Die Fähigkeit, das Leben mit etwas entspannter Abgeklärtheit und Humor zu nehmen, ist ihnen abhanden gekommen. Trauer, Wut, Schmerz und Scham bestimmen große Teile ihrer Gefühlswelt. Ein Flucht in Alkohol, Drogen, übermäßiges Essen oder andere Formen falscher Ernährung ist nicht gerade selten.

Die Zahl der gelesenen Selbsthilfe-Ratgeber füllt ein halbes Bücherregal. Nur besser fühlt man sich nicht.  Im Gegenteil, die Verzweiflung steigert sich eher noch, weil man mit  den “drei Schritten zum Glück” oder den “10 goldenen Regeln zur perfekten Partnerschaft” dem Ziel eines besseren Lebens nicht einen Millimeter näher gekommen ist. Gleichzeitig fühlt man sich als Versager. Es ist doch angeblich so einfach.

Häufig beginnt der Klient dann eine Psychotherapie mit der Vorstellung , der Therapeut möge ihm nach kurzem Nachdenken über sein Problem eine Gebrauchsanweisung überreichen, die, nur konsequent genug befolgt, alle Probleme zum Verschwinden bringt und ein Füllhorn des Glücks über den Klienten ausschüttet. Diese Hoffnung erfüllt sich natürlich nicht und kann gerade zu Beginn der Therapie zu großer Frustration führen.

Nicht erst seit Paul Watzlawicks “Anleitung zum Unglücklichsein” setzen Therapeuten und Coaches Witz und Humor ein, um ihren Klienten neue Perspektiven auf Ihre Krankheit zu eröffnen. So machen sie verschüttete Ressourcen wieder zugänglich. Statt mit erhobenem Zeigefinger Ratschläge zu erteilen, bringen Sie voller Wertschätzung Lachen und Freude in das Leben der Erkrankten zurück. Sie verhelfen Ihnen so zu mehr Akzeptanz für Ihre Situation. Außerdem versetzen Sie sie in die Lage, neue Lösungen für ihre Probleme zu finden. Wer schon einmal z. B. Sessions mit Therapeuten wie Richard Bandler oder dem leider bereits verstorbenen Frank Farrelly gesehen hat, kann das sicherlich gut nachvollziehen.

Darüber hinaus kann das überzeichnete “Anti-Beispiel” dieses Textes sehr hilfreich sein, um einen Einstieg in die Frage nach besseren Wegen zu finden. Daher mein Appell an Dich: Gehe öfter einmal bei Rot über die Straße. Die Mutter mit dem kleinen Kind wird Dir für das hilfreiche Negativbeispiel sehr dankbar sein. Auch wenn sie es vielleicht in diesem Moment nicht zeigen kann.

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