Anleitung zum Burn-out: Psychotherapie und AntidepressivaLesedauer 5 Min.

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Endlich ist der Tag gekommen, auf den du so lange hingearbeitet hast: Du hältst die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung deines Hausarztes oder Psychiaters in Händen. Glückwunsch, du hast einen echten Meilenstein auf dem Weg aus dem Hamsterrad geschafft und bist fürs Erste aus dem Schneider! Aber lass dich jetzt nicht vom Erfolg einlullen. Die größten Herausforderungen beginnen jetzt und sie lauten: Psychotherapie und Antidepressiva.

Antidepressiva: Die Pille danach

Wenn du die restlichen Kapitel von “Anleitung zum Burn-out” gewissenhaft gelesen und durchgearbeitet hast, dürftest du es inzwischen zu einer ausgewachsenen Depression gebracht haben. In solchen Fällen kannst du fast immer damit rechnen, dass dir der Psychiater, der dich zumeist erst nach einer mehrwöchigen Wartephase empfängt, eine  Psychotherapie und Antidepressiva verschreiben wird. Jetzt heißt es vorsichtig sein, damit die chemischen Abfangjäger dich nicht um deinen hart erkämpften Burn-out bringen.

Für Anfänger: Einnahme verweigert

Eine mögliche, wenngleich nicht sehr elegante Möglichkeit, besteht darin, die Medikamente nicht einzunehmen und dich bei deinem Arzt dann über die ausbleibende Wirkung zu beklagen. Die Gefahr: Spätestens nach dem dritten Medikament wird dein Psychiater misstrauisch werden. Dabei geht es doch wesentlich besser.

Für Fortgeschrittene: Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken

Praktisch jeder Patient leidet anfangs beim sogenannten “Ansetzen” der Antidepressiva an mehr oder weniger ausgeprägten Nebenwirkungen. Also nichts wie rein damit. Diese Medikamente wirken ja, wie es im Fachjargon so schön heißt, antriebssteigernd und stimmungsaufhellend. Dein Vorteil: Bevor sich die Stimmung aufhellt, steigert sich für gewöhnlich zuerst der Antrieb. Jetzt rate mal, in welche Richtung. Durch eine erhöhte Dosis lässt sich dieser Effekt übrigens noch drastisch steigern. Allerdings solltest du nicht zu sehr übertreiben, denn ein Suizid würde ja nicht nur für das Ende deines Arbeitslebens sorgen. Falls du wider erwartend mit keinerlei Nebenwirkungen zu kämpfen hast, und nach einigen Wochen schlechtestenfalls sogar eine Verbesserung deines emotionalen Zustandes wahrnimmst, solltest du zweierlei tun:

  1. Nutze die “Anleitung zum Burn-out” und verdopple deine Anstrengungen in allen Lebensbereichen, um den positiven Effekt der Medikamente zu kompensieren.
  2. Lies in aller Ruhe den Beipackzettel deines Psychopharmakas durch und konzentriere dich auf die beschriebenen Nebenwirkungen. Mit etwas Fantasie kannst du dir auch ein paar neue einfallen lassen. Allerdings solltest du dabei nicht überziehen. Von Antidepressiva ist noch niemand an der Beulenpest erkrankt.

Bei deinem nächsten Arztbesuch wird dein Psychiater dann unweigerlich zu der Diagnose kommen, dass das verschriebene Medikament bei dir keine Wirkung zeigt, dafür aber kaum zu ertragende Nebenwirkungen. Er wird, ganz Arzt, zu dem Schluss kommen, dass man es mit einem anderen Antidepressivum versuchen muss. Und damit beginnt das Spiel von Neuem. Halte durch und sei geduldig. Das Arsenal der Seelenklempner ist zwar groß, aber nicht endlos.

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Psychotherapie: Zeit für das gute Gespräch

Klassischerweise wird die medikamentöse Behandlung von einer Psychotherapie flankiert. Psychotherapie und Antidepressiva sind sozusagen das Dick und Doof der Burn-out-Behandlung. Achte grundsätzlich darauf, dich nur ambulant behandeln zu lassen. Während die Stigmatisierung eines stationären Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik zwar brauchbare Effekte für deine sozialen Kontakte haben und in die erstrebenswerte Isolation führen kann, ist die Gefahr dann doch groß, dass dir während eines mehrwöchigen oder sogar -monatigen Aufenthaltes wirklich geholfen wird. Es kann dann wieder Monate dauern, um sich einen Rückfall zu erarbeiten.

Diese Gefahr ist bei einer wöchentlichen Therapiestunde, die als gesetzlich Krankenversicherter sogar schon nach 50 Minuten ihr wohlverdientes Ende findet, deutlich geringer. Ein paar Tipps zum Umgang mit dem Therapeuten:

  1. Dein Freund und Helfer:

    Denke immer daran: Ein Therapeut ist am Ende auch nur ein Mensch und unter der manchmal harten Schale steckt nicht selten ein genauso großes Helfersyndrom, wie du es selbst hast. Gönne ihm daher kleine Erfolgserlebnisse (“Diese Stunde hat mich wirklich weitergebracht. Ich bin Ihnen soooo dankbar!”), nur um ihn danach noch tiefer zu frustrieren (“Trotz 15 Stunden Therapie habe ich das Gefühl, wieder gaaaanz am Anfang zu stehen. Es hat sich doch überhaupt nichts geändert”). Diese emotionalen Achterbahnfahrten werden früher oder später dazu führen, dass sich dein Therapeut von dir immer weiter zurückzieht und die Stunden mit dir als lästige Pflicht begreift. In diesem Moment habt ihr beide dann eine Menge gemeinsam. Auch ungewaschene Kleidung, eine ordentliche Fahne oder kalter Zigarrenrauch können helfen, die emotionale Distanz innerhalb der therapeutischen Beziehung zu vergrößern.

  2. Verbales Judo:

    Nutze während der Therapie alle Denk- und Kommunikationsmuster, die dir schon auf dem Weg zum Burn-out so nützlich waren. Da wären zum Beispiel:

  • Schwarz-Weiß-Denken: “Ich bin entweder gesund oder krank. Dazwischen gibt es nichts.” (Dabei trotzig schauen und die Arme verschränken.)
  • Verallgemeinerungen: “Ich habe niemanden auf der Welt. Alle sind gegen mich. Die ganze Zeit fühle ich mich schlecht.” (Dabei nach unten blicken und nach jedem Satz abgrundtief seufzen.)
  • Abwertungen: “Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Es musste ja so kommen. Ich habe es nicht anders verdient. Ich Versager.” (Nach jedem Satz kräftig mit der Faust auf den Oberschenkel schlagen. deinen eigenen, wohlgemerkt.)
  • Realitätsverlust: “Jeder auf der Straßen / in der U-Bahn / beim Bäcker sieht mir doch an, dass ich depressiv und ein panisches Wrack bin.” (Dabei die Augen ruckartig hin- und herbewegen. Man spricht hier auch von der Christoph-Daum-Technik.)
  • Negatives Umdeuten: “Das sagen Sie doch nur, weil Sie mein Therapeut sind.” (Praktisch immer einsetzbar.) “Was Sie da Fortschritt nennen, fühlt sich an wie ein Lauf über glühende Kohlen.” (Dabei die Füße vom Boden abheben und mit schmerzverzerrtem Gesicht nach unten starren.)
  • Einschränkende Glaubenssätze: “Ich kann nichts. Ich weiß nichts. Ich hab nichts.” (Am besten mehrmals hintereinander mit zunehmender Lautstärke, Geschwindigkeit und Verzweiflung in der Stimme wiederholen.)
  • Verantwortungsdiffusion: “Daran ist doch nur mein Chef schuld. Und meine Frau. Und mein Vater.” (Die Sätze sollten dem Therapeuten mit zunehmender Verachtung entgegen geschleudert werden.)
  • Konzentrationsmangel: “Ich bin nicht sicher, ob ich da mitgekommen bin. Es fällt mir einfach so schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.” (Bietet sich vor allem an, wenn dich der Therapeut verbal in die Enge getrieben oder eine sinnvolle Lösung vorgeschlagen hat.)

Weitere Anregungen findest du in Selbsthilfebüchern und Ratgebern zum Thema Burn-out. Einmal “um die Ecke gedacht” und schon hast du eine neue Denkweise oder ein neues Sprachmuster gefunden, dass dich bequem über die nächsten 50 Minuten Psychotherapie trägt.

Sitzt du lange genug am Fluss, siehst du die Leiche deines Feindes vorbei schwimmen

Natürlich kennen gut ausgebildete Therapeuten und Psychiater eine Menge Kniffe und werden alles versuchen, um dir mit Psychotherapie und Antidepressiva deinen hart erarbeiteten Burn-out zu vermiesen. Lass dich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Was dich als Angestellten an deinem Arbeitsplatz in den Burn-out getrieben hat, gilt auch für das medizinische Fachpersonal, das sich deiner so liebevoll angenommen hat: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Jetzt mal im Ernst

Falls du lachen musstest – großartig. Und wenn du noch mehr lachen möchtest, lies am besten die ganze Serie “Anleitung zum Burn-out“.

Wenn Du Dich dagegen jetzt fragst, wozu dieser Text gut sein soll, hier noch ein paar erläuternde Worte. Viele Menschen mit körperlichen oder seelischen Beschwerden fühlen einen gewaltigen und manchmal nur schwer zu ertragenden Leidensdruck.

Die Fähigkeit, das Leben mit etwas entspannter Abgeklärtheit und Humor zu nehmen, ist ihnen abhandengekommen. Trauer, Wut, Schmerz und Scham bestimmen große Teile ihrer Gefühlswelt. Eine Flucht in Alkohol, Drogen, übermäßiges Essen oder andere Formen falscher Ernährung ist nicht gerade selten.

Die Zahl der gelesenen Selbsthilfe-Ratgeber füllt ein halbes Bücherregal. Nur besser fühlt man sich nicht.  Im Gegenteil, die Verzweiflung steigert sich eher noch, weil man mit  den “drei Schritten zum Glück” oder den “10 goldenen Regeln zur perfekten Partnerschaft” dem Ziel eines besseren Lebens nicht einen Millimeter näher gekommen ist. Gleichzeitig fühlt man sich als Versager. Es ist doch angeblich so einfach.

Häufig beginnt der Klient dann eine Psychotherapie mit der Vorstellung , der Therapeut möge ihm nach kurzem Nachdenken über sein Problem eine Gebrauchsanweisung überreichen, die, nur konsequent genug befolgt, alle Probleme zum Verschwinden bringt und ein Füllhorn des Glücks über den Klienten ausschüttet. Diese Hoffnung erfüllt sich natürlich nicht und kann gerade zu Beginn der Therapie zu großer Frustration führen. Psychotherapie und Antidepressiva sind nun einmal keine Wunderwaffen.

Nicht erst seit Paul Watzlawicks “Anleitung zum Unglücklichsein” setzen Therapeuten und Coaches Witz und Humor ein, um ihren Klienten neue Perspektiven auf Ihre Krankheit zu eröffnen. So machen sie verschüttete Ressourcen wieder zugänglich. Statt mit erhobenem Zeigefinger Ratschläge zu erteilen, bringen Sie voller Wertschätzung Lachen und Freude in das Leben der Erkrankten zurück. Sie verhelfen Ihnen so zu mehr Akzeptanz für Ihre Situation. Außerdem versetzen Sie sie in die Lage, neue Lösungen für ihre Probleme zu finden. Wer schon einmal z. B. Sessions mit Therapeuten wie Richard Bandler oder dem leider bereits verstorbenen Frank Farrelly gesehen hat, kann das sicherlich gut nachvollziehen.

Darüber hinaus kann das überzeichnete “Anti-Beispiel” dieses Textes sehr hilfreich sein, um einen Einstieg in die Frage nach besseren Wegen zu finden. Daher mein Appell an Dich: Gehe öfter einmal bei Rot über die Straße. Die Mutter mit dem kleinen Kind wird Dir für das hilfreiche Negativbeispiel sehr dankbar sein. Auch wenn sie es vielleicht in diesem Moment nicht zeigen kann.

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