Anti-Therapie: Lebenshilfe auf den Kopf gestellt – positives Denken

Positives Denken oder: Ich mach mir die Welt…

Wachst du immer noch jeden Morgen mit dem unbestimmten Gefühl auf, dass es ein guter Tag werden könnte? Siehst du grundsätzlich halb volle Gläser? Fällt es dir schwer, ein Problem längere Zeit zu behalten? Kannst du immer noch gelegentlich über dich selbst lachen? Und glaubst du immer noch fest daran, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt? Mit anderen Worten: bist du vom gefährlichen Virus befallen, der sich positives Denken nennt?
Denn das ist natürlich alles gefährlicher Unsinn. Was wäre aus unseren steinzeitlichen Vorfahren wohl geworden, wenn sie voller Optimismus versucht hätten, den Säbelzahntiger als Haustier abzurichten? Oder hätten wir heute so segensreiche Erfindungen wie den Rohrstock oder die Atombombe wenn wir glauben würden, der Mensch wäre im Grunde gut? Eben.
Aber keine Sorge, nach Lektüre dieses Artikels wirst du entdecken, wie einfach es ist, solchen kindlich-naiven Gefühlen und Vorstellungen ein für alle Mal den Garaus zu machen.
“Umparken im Kopf”, wie es eine bekannte deutsche Automarke einmal passend ausgedrückt hat. Und in der Tat: warum sein Auto auf die Sonnenseite des Lebens stellen, wenn es sich im Schatten doch viel angenehmer parkt.

Die Grundhaltung

Als Einstieg in den Ausstieg aus dem positiven Denken ist es wichtig, dass du möglichst schnell die passende Grundhaltung entwickelst. Stell dir ab jetzt mehrmals pro Stunde folgende Fragen:

  • Wer bin ich eigentlich wirklich?
  • Habe ich im Leben alles erreicht, was ich wollte?
  • Könnte ich nicht viel glücklicher sein?
  • Sind diese ganzen flüchtigen Augenblicke des Glücks nicht reiner Selbstbetrug?

Du wirst dich wundern, wie schnell positives Denken fast automatisch aus deinem Kopf verschwindet und dich nach einiger Zeit auch gar nicht erst wieder belästigt.

Einen noch besseren Effekt – Stichwort Haltung – erreichst du, wenn du bei dieser Denkübung die Schultern hängen lässt, den Kopf senkst und mehrere Minuten mit leerem Blick zur Erde starrst.

Falls du an einem Morgen etwas verkatert aufwachst, weil du einen über den Durst getrunken hast, freu dich: Es gibt kaum einen besseren Moment, um mit dem Üben zu beginnen.

Wichtig: Stelle dir die obigen Fragen insbesondere dann, wenn du nachts aufwachst. Und keine Sorge, denn wenn du diesen Ratgeber befolgst, wird das in kürzester Zeit der Fall sein. Falls du wider erwartend aber Probleme mit dem Wachbleiben oder dem nächtlichen Aufwachen hast, “empfehle ich den Ratgeber zum Thema Schlaf aus dieser Artikelserie.

Mit allen Sinnen

Ist dir  schon einmal aufgefallen, dass du schöne Erinnerungen und Gedanken auf eine ganz bestimmte Art und Weise in deinem Gedächtnis abgespeichert hast? Große, helle, farbige Bilder. Satte Klänge, gute Gefühle. Kopfkino par excellence, eben. Und du: mittendrin.

(Der erfahrene Therapeut spricht hier übrigens von Submodalitäten, damit das Ganze noch etwas eindrucksvoller klingt.)

Aber es ist ja schließlich dein Kopf, nicht wahr? Beginne damit, deine Gedanken einer gründlichen Renovierung zu unterziehen und versuche einmal folgendes:

  • Nimm einen dieser guten Gedanken, den du endlich loswerden möchtest und versetze dich ganz in die Situation.
  • Sobald du bemerkst, dass sich ein gutes Gefühl einstellt, tritt aus dem Bild heraus, schiebe es weit von dir weg und drehe die Farbe heraus.
  • Solltest du einen spektakulären Film gesehen haben, mache daraus jetzt ein Standbild in Schwarz-weiß.
  • Wenn du bis jetzt weder Gewitterwolken noch ein fernes Donnergrollen in das Bild eingebaut hast, ist jetzt der richtige Moment dafür.
  • Sage innerlich zu dir selbst: “So glücklich war ich damals eigentlich gar nicht”.
  • Zum Schluss stelle dir jetzt noch einen großen Gospelchor im Hintergrund vor, der, begleitet von einer traurigen Musik in D-Moll, singt: “Genau! So glücklich warst Du gar nicht. Oh nooooooo!”

Nach nur wenigen Tagen wird es deinem Gehirn bereits automatisch gelingen, sämtliches positives Denken in dieses deutlich realistischere Setting zu bringen.

Negatives Umdeuten

Falls du schon einmal mit einem Therapeuten, einem Coach oder einem Kommunikations- bzw. Persönlichkeitstrainer zu tun hattest, ist dir der Begriff “Reframing” – oder zu Deutsch “Umdeuten” – sicherlich schon einmal begegnet.

Dabei deutet der Therapeut/Coach/Trainer eine Situation oder ein Verhalten, das vom Klienten als belastend empfunden wird, positiv um.

Ein Beispiel: Du bist nicht zu faul zum Aufräumen. Du sorgst lediglich auf heldenhafte Weise dafür, dass dir neben deinem stressigen Job, den Streits mit deinem Ehemann und der Versorgung der vier kleinen Kinder noch genug Zeit für deine Affäre bleibt.

Ziel ist es also, dem Klienten zu neuen Sichtweisen auf sein Problem und einer gewissen Versöhnung mit dem als negativ empfundenen Gefühl zu verhelfen.

Diese Technik wird übrigens auch sehr gerne von Verkäufern eingesetzt. Eine Wohnung ist nicht klein, sondern gemütlich. Das Haus steht auch nicht direkt neben der Startbahn des örtlichen Flughafens. Nein, es ist nur unheimlich verkehrsgünstig gelegen. Und der Wohnungsmarkt ist auch nicht im Keller. Die Einstiegschancen sind gerade einfach unglaublich günstig.

Oder wie ein beliebter Spruch im Verkauf lautet: Man muss den Kunden so schnell über den Tisch ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.

Natürlich sind solche Versuche, die Welt in einem besseren Licht erscheinen zu lassen, Unsinn. Wie Al Bundy, der Patriarch der “schrecklich netten Familie” es einmal treffend formulierte: “Es ist nicht das Kleid, das Dich fett macht. Es ist das Fett, das Dich fett macht.” Positives Denken hilft in solchen Fällen einfach nicht weiter.

Die Technik an sich kann aber sehr hilfreich sein, um endlich dem Teufelskreis des positiven Denkens zu entfliehen, wenn sie nur richtig angewendet wird.

Ein paar Anregungen für das tägliche Leben:

  • Du fährst nicht mit einem Aufzug, du bist vielmehr in einer Todesfalle gefangen.
  • Heute ist auch nicht dein Geburtstag, du bist deinem unabwendbaren Tod schon wieder ein Jahr näher gekommen.
  • Du bist nicht wohlhabend. Vielmehr bist du ein Ziel für Diebe, Räuber und Mörder geworden.
  • Du denkst auch nicht plötzlich negativ. Nein, du bist einfach erwachsen und dem Leben gegenüber realistisch geworden.

Experimentiere mit alltäglichen Situationen, die Möglichkeiten sind schier endlos.

Teile deine Gedanken mit Anderen

Du kennst sicher das bekannte Bonmot von E. M. Forster: Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?

In diesem Sinne solltest du auf keinen Fall darauf verzichten, die Umwelt an deinen neu gewonnenen Erkenntnissen über positives Denken teilhaben zu lassen.

Im Wesentlichen kann das zwei, für deine Weiterentwicklung weg vom positiven Denken, sehr hilfreiche Konsequenzen haben:

  1. Du wirst auf Gleichgesinnte treffen. Solche Menschen können dir hilfreiche Tipps geben, wie du deine negativen Gedanken noch weiter perfektionieren kannst. Darüber hinaus werden sie dich in deiner Überzeugung bestärken, auf dem richtigen Weg zu sein.
  2. Du kommst mit Menschen in Kontakt, die dir widersprechen. Die darauf folgenden hitzigen Diskussionen, unversöhnlichen Streitereien und andere negative Konsequenzen von Mobbing bis Kontaktabbruch werden in dir das sichere Gefühl reifen lassen, dass du dich nicht getäuscht haben: die Welt ist wirklich ein zutiefst unfreundlicher Ort.

Nachwort

Falls du lachen mussten – großartig.

Wenn du dich dagegen jetzt fragst, wozu dieser Text gut sein soll und was mit Anti-Therapie gemeint ist, hier noch ein paar erläuternde Worte. Viele Menschen mit körperlichen oder seelischen Beschwerden fühlen einen gewaltigen und manchmal nur schwer zu ertragenden Leidensdruck.

Die Fähigkeit, das Leben mit etwas entspannter Abgeklärtheit und Humor zu nehmen, ist ihnen abhanden gekommen. Trauer, Wut, Schmerz und Scham bestimmen große Teile ihrer Gefühlswelt.

Die Zahl der gelesenen Selbsthilfe-Ratgeber füllt ein halbes Bücherregal. Nur besser fühlen sie sich nicht (vgl. auch den Artikel zum Thema “Schlaf” aus dieser Serie). Im Gegenteil, die Verzweiflung steigert sich eher noch, weil man mit  den “drei Schritten zum Glück” oder den “10 goldenen Regeln zur perfekten Partnerschaft” dem Ziel eines schöneren Lebens nicht einen Millimeter näher gekommen ist. “Sorge Dich nicht – lebe” klingt wie ein höhnischer Kommentar zur eigenen Situation.

Häufig beginnt der Klient dann eine Psychotherapie mit der Vorstellung , der Therapeut möge ihm nach kurzem Nachdenken über sein Problem eine Gebrauchsanweisung überreichen. Wird diese dann nur konsequent genug befolgt, verschwinden alle Probleme praktisch über Nacht. Diese Hoffnung erfüllt sich natürlich nur selten und kann gerade zu Beginn einer Therapie zu großer Frustration führen. Damit gilt es für den Therapeuten umzugehen.

Nicht erst seit Paul Watzlawicks “Anleitung zum Unglücklichsein” setzen Therapeuten und Coaches Witz und Humor ein, um ihren Klienten neue Perspektiven auf Ihre Krankheit zu eröffnen. So machen sie verschüttete Ressourcen wieder zugänglich. Statt mit erhobenem Zeigefinger Ratschläge zu erteilen, bringen Sie voller Wertschätzung Lachen und Freude in das Leben der Erkrankten zurück. Sie verhelfen Ihnen so zu mehr Akzeptanz für Ihre Situation. Außerdem versetzen Sie sie in die Lage, neue Lösungen für ihre Probleme zu finden. Wer schon einmal z. B. Sessions mit Therapeuten wie Richard Bandler oder dem leider bereits verstorbenen Frank Farrelly gesehen hat, kann das sicherlich gut nachvollziehen. Darüber hinaus kann ein überzeichnetes “Anti-Beispiel” gelegentlich sehr hilfreich sein, um einen Einstieg in die Frage nach besseren Wegen zu finden. Daher mein Appell an dich: denke einmal absichtlich so richtig negativ – und genieße das Gefühl zu wissen, dass du es absichtlich getan hast.

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