Hygienefaktor Nummer 1Lesedauer 1 Min.

„Die denken wohl, sie können sich alles erlauben.“ Anton Hubers vom chronischen Bluthochdruck gerötetes Gesicht hat sich in den purpurfarbenen Bereich vorgearbeitet.

„Jeden Tag Höchstleistungen einfordern, aber wenn sie dann mal selbst ran müssten, dann … dann …“, pflichtet Richard Schaller ihm bei, bevor ihm vor Wut die Stimme versagt.

„Als ob wir nicht schon seit Monaten vor so einer Situation gewarnt hätten. Aber die da oben haben ja noch nie auf uns gehört – und jetzt so tun, als ob man nicht damit hätte rechnen können. Ha!“ Stefan Herrlich hält es nicht mehr auf seinem Schreibtischstuhl.

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„Wofür kriegen die überhaupt so viel Geld? Wenn wir hier an der Front so arbeiten würden. Mein lieber Herr Gesangsverein, dann könnten wir den Laden in ein paar Monaten dicht machen.“ Für den Farbton, den Hubers Gesicht jetzt erreicht hat, gibt es keine passende Bezeichnung mehr.

„Hat schon jemand den Betriebsrat informiert?“, fragt Helga Dorfmann, die mit zitternden Händen dazu getreten ist.

„Was soll der denn schon unternehmen?“ Heino Schmidt, der sich ebenfalls zu der schnell größer werdenden Gruppe gesellt hat, lässt sein übliches zynisches Grinsen sehen. „Der Geschäftsführung ein offizielles Protestschreiben überreichen?“

„Vielleicht könnten wir  ja Unterstützung von außen anfordern?“, Frau Dorfmann hat die Hoffnung auf eine konstruktive Lösung der Situation noch nicht vollständig aufgegeben.

Schaller, der seine Stimme wiedergefunden schüttelt energisch mit dem Kopf. „Das kommt überhaupt nicht in Frage. Sollen wir dafür etwa die Kosten übernehmen? Die sollen die Suppe, die sie dem Unternehmen eingebrockt haben, schön selbst auslöffeln!“

Die Stimme von Simone Ganser, von der Böse Zungen in der Abteilung behaupten, man könne mit ihr an guten Tagen Glas und an schlechten Diamanten schneiden, schrillt durch den Raum. „Wenn ihr mich fragt, gibt es in so einer Situation eigentlich nur noch eine angemessene Reaktion.“

„Du meinst…? “ Schmidt vergeht das Grinsen und er sieht sie ungläubig an.

„Ja, genau. Streik – und zwar unbefristet.“

Die Diskussion wogt noch einige Zeit, aber nach etwas mehr als einer Stunde hat sich das Team auf das weitere Vorgehen geeinigt. Eine Delegation wird trotz geringster Erfolgsaussichten das Gespräch mit der Geschäftsführung suchen. Als Ultima Ratio wird ein Streik dann aber ausdrücklich nicht mehr ausgeschlossen.

Der geneigte Leser hat den Grund für die aufgebrachten Reaktionen in der Marketingabteilung der Prekariatio GmbH sicherlich bereits längst erraten: Das gesamte Management hüllt sich in penetrantes Schweigen, obwohl nun schon seit drei Tagen der Kaffeeautomat ausgefallen ist.

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