Männer in der Krise (I)Lesedauer 2 Min.

Iran. Meine Firma schickt mich in den Iran. DEN IRAN! Seit zwei Tagen vergehen kaum fünf Minuten, ohne dass dieselben Sätze in Ralf Hackers Kopf ein weitere Runde drehen.

Dabei war das monatliche Key Account Update Meeting mit der Geschäftsführung so routiniert verlaufen wie immer. Während er und seine Kollegen die Erfolge herauskehrten (nur ein Chart pro Manager, Befehl von oben!) und die Misserfolge kleinredeten oder, noch besser, ganz totzuschweigen versuchten, unternahm die Geschäftsführung alle Anstrengungen, um der Verkaufsmannschaft noch unentdeckte und folglich nicht gehobene Potenziale abzubringen, um das Quartalsziel zu retten. So weit, so gewöhnlich. Ein routiniertes Menuett, dessen Tanzschritte und Verbeugungen jeder halbwegs erfahrene Manager aus dem Effeff beherrscht.
Aber dann war ihm der wohl größte Fehler seiner langen Karriere unterlaufen: Anstatt wie alle anderen im Raum die gewohnt absurden Thesen der Führungsetage zu angeblich vielversprechendem Neugeschäft mit andächtigem Blick und beredtem Schweigen ins Leere laufen zu lassen, wo sie hingehörten, hatte er sich zu einem ironischen Kommentator hinreißen lassen.
„Dann bleiben wohl nur noch die Krisengebiete unseres Planeten, um unsere Wachstumsziele in diesem Jahr zu erreichen.“
Sein CEO hielt inne, musterte ihn für einen Augenblick schweigend, nahm dann schwungvoll die Brille ab und Hacker hatte sich innerlich schon auf den Anschiss seines Lebens vorbereitet. Stefan Berger auch, wie er unschwer aus den Augenwinkeln am hämischen Grinsen seines langjährigen Kollegen erkennen konnte. Die beiden verband seit langem eine herzliche Feindschaft, über die noch zu reden sein wird.
„Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund, Herr Hacker. Das ist genau die Art von Pioniergeist, die wir in der momentanen Situation bitter nötig haben. Going the extra mile, das haben Sie unseren jungen Kollegen ja schon immer ans Herz gelegt, wie ich höre. Deswegen haben wir beschlossen, Sie für die nächsten drei Monate nach Teheran zu entsenden, um die dortige Vertriebsniederlassung aufzubauen. Nein, nein, danken Sie mir nicht! Die Wahl wurde von der gesamten Geschäftsführung einstimmig getroffen.“
Bei den letzten beiden Sätzen glaubte Hacker, eine Spur Ironie herausgehört zu haben. Schließlich hatte er seit seinem Autounfall keinen erfolgreichen Abschluss mehr getätigt. (Sein einziger Trost war, dass Jutta seitdem auf die Verwendung einer E-Zigarette im Auto verzichtet hatte.)
Nach einem kräftigen Schlag auf die Schulter – Berger hatte ihm freudestrahlend und mit dröhnender Lautstärke eine gute Reise gewünscht – war er wie ein begossener Pudel allein im Meetingraum zurückgeblieben.
Gestern waren dann bereits die ersten E-Mails aus der Personalabteilung in seinem Posteingang gelandet, die offensichtlich mit seiner neuen Aufgabe zu tun hatten:
  • Betreff: Intercultural Training Middle East (2-tägiges Seminar)
  • Betreff: Unfall-, Kranken und Lebensversicherung
  • Betreff: Verpflichtende Impfungen und Visum
  • Betreff: Sicherheitseinweisung (2-tägiges Seminar)

Bisher hatte er noch nicht den Mut, sie zu lesen.

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