Raketen-Ralle und das NikotinproblemLesedauer 1 Min.

Ralf  Hacker hat den Tempomat seines neuen A6 auf 210 km/h eingestellt. Passend zur äußersten Spur hat er auch den linken Blinker gesetzt und beschränkt sich nun darauf, die wenigen verbliebenen Hindernisse mit der Lichthupe aus dem Weg zu jagen.

Wer das Morse-Alphabet für Key Account Manager beherrscht, versteht natürlich sofort die Botschaft der arrhythmisch aufflackernden Scheinwerfer:

Po-ten-tiell-er – Neu-kun-de

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Sie-ben-stel-li-ges – Um-satz-po-ten-zial

Zehn-tau-send – Ex-tra-bo-nus

Ein kurzer Blick auf das Navigationssystem. Noch knapp 90 Kilometer. Aber der Termin bei seinem neuen Kunden beginnt ja erst in 30 Minuten. Kinderspiel. Nicht umsonst hat er bei seinen Kollegen – Kolleginnen sind auch im 21. Jahrhundert noch nicht auf seine Hierarchieebene im Vertrieb vorgedrungen – den in frühen Karriereschritten erworbenen Spitznamen Raketen-Ralle.  Wenn er etwas im Leben gelernt hat, dann ist es Autofahren. 120.000 Kilometer im Jahr fahren sich eben nicht von selbst, meine Herren.

Er nimmt noch einen Schluck Latte macchiato aus seinem  To-Go-Becher und greift mit leicht angewidertem Gesichtsausdruck zu seiner E-Zigarette. Dann führt er das kalte Metall an die Lippen. Das Geburtstagsgeschenk seiner Frau zwingt ihn dazu, vernünftige Zigaretten nur noch außerhalb seines Autos zu rauchen, um ihr die Illusion seiner geglückten Entwöhnung zu lassen. Außerdem hat sich sein Budget für Kleiderspray und Kaugummi drastisch erhöht. Er drückt schicksalsergeben den Knopf, saugt am Mundstück, wartet auf den Geschmack nach verbranntem Plastik und künstlicher Pfefferminze – und stellt fest, dass er wieder einmal vergessen hat, den elektronischen Glimmstengel über Nacht aufzuladen.

Während er mit der linken Hand das Steuer umfasst hält, beugt er sich nach rechts und öffnet auf der Suche nach dem USB-Ladekabel das Handschuhfach. Er tastet sich an Parkscheibe, Fahrtenbuch und Juttas Notfall-Schmink-Set vorbei. Schließlich bekommt er das Kabel zu fassen, stößt beim Herausziehen aber den Kaffeebecher aus dem Getränkehalter in der Mittelkonsole um. Reflexartig greift er mit der linken Hand nach dem Becher, um den Lederbezug des Beifahrersitzes zu retten.

Zwei Wochen, nachdem er aus seinem künstlichen Koma erwacht ist, erfährt er vom Oberarzt des nahe gelegenen Kreiskrankenhauses, dass sich die Autobahn an der Stelle seines Unfalls auf zwei Spuren verengt, und von seinem Vorgesetzten, dass sich der Kunde für ein Angebot der Konkurrenz entschieden hat.

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