Skandinavische FirmenfeierLesedauer 1 Min.

Schiller blickt streng über die Gläser seiner randlosen Brille. „In meinem ersten Jahr als Vorstandsvorsitzender möchte ich meinen Kollegen etwas ganz Besonderes bieten, Herr Winkler. Schließlich sind wir einer der größten Automobilkonzerne des Landes und da liegt die Latte ziemlich hoch.“

Frauen sind dank lediglich freiwilliger Selbstverpflichtungen der Wirtschaft nach wie vor nicht im Vorstand vertreten.

Das würde auch gerade noch fehlen, denkt Winkler. Als Eventmanager ist es schon schwierig genug, sich jedes Jahr für einen Haufen Mittfünfziger eine neue Veranstaltung einfallen zu lassen, die man gegenüber den nicht mitgereisten Ehefrauen gerade noch als geschäftliche Weihnachtsfeier tarnen kann. Und einen weiteren Ausrutscher wie vor zwei Jahren, als die hochmotivierte Schülerpraktikantin Melanie die Tickets zur „Eyes Wide Shut Christmas Celebration“ an die Privatadressen der Vorstandsmitglieder geschickt hatte, kann er sich bei der angespannten wirtschaftlichen Lage seiner Agentur keinesfalls erlauben.

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Winkler nickt zustimmend, obwohl ihm in diesem Zusammenhang bei dem Wort „Latte“ um ein Haar die Gesichtszüge entgleist wären. „Keine Sorge, bis jetzt haben wir noch bei jedem Brainstorming ein außergewöhnliches Event kreiert.“

Er beschließt, frei zu assoziieren. Kann er gut. Sagt auch seine Therapeutin, die ihn seit knapp acht Jahren vor dem drohenden Burn-out bewahrt. Er lehnt sich im Besucherstuhl zurück und blickt aus dem Fenster des Vorstandsbüros. Dabei fällt sein Blick auf die leicht vergilbten Vorhänge, die traurig von der Decke herabsinken wie welkes Laub. Sie ähneln denen, die Gaby vor zwei Wochen bei einem skandinavischen Möbelhaus erstanden hat und die jetzt sein Wohnzimmer mit Fischgrätenparkett und Rolf Benz Sitzgruppe verschandeln. Manchmal merkt man leider immer noch, dass sie aufwärts geheiratet hat, denkt er. Vorhänge, Skandinavien.

“Schwedische Gardinen”, platzt es plötzlich laut aus ihm heraus.

“Wie bitte?” Schiller blickt ihn irritiert an.

Winkler ist von seinem spontanen Ausbruch selbst peinlich berührt, beschließt aber, alles auf eine Karte zu setzen.

„Knast kulinarisch. Was ganz neues. Ein Weihnachtsdinner, bei dem die Gäste von Häftlingen bekocht und bedient werden. Das Essen findet sogar in Räumen der Justizvollzugsanstalt statt. Eine ganz besondere Atmosphäre. Das gibt sicher auch einen tollen Bericht für die Mitarbeiterzeitung. Resozialisierung und so.“

Schiller scheint scharf nachzudenken. Dann geht ein Strahlen über sein Gesicht. “Die Idee gefällt mir. Frisch, unverbraucht  – und außerdem hat mein Vorgänger dann auch noch etwas davon.“

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