Der BewerberLesedauer 1 Min.

Bewerbung

Seit drei Stunden scrollt Frisch durch die Stellenanzeigen des Jobportals MonsterSteps.komm.

Er hat in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit alle Stufen der emotionalen Achterbahnfahrt einer Stellensuche durchlaufen.

  1. Euphorie: Ich schlage ein neues Kapitel in meinem Leben auf. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt und leistungshungrige, kompetente Fachkräfte werden ja immer gesucht. Für jemanden wie mich, gut ausgebildet und flexibel, wird das ein Kinderspiel.
  2. Optimismus: Wenn ich genug Bewerbungen schreibe, werde ich schon was finden. Ich brauche schließlich ja nur eine Zusage. Und spätestens, wenn ich zum Gespräch eingeladen werde, habe ich schon gewonnen.
  3. Kompromissbereitschaft: Vielleicht muss ich gehaltsmäßig ein paar Abstriche machen. Bei einem kleineren Unternehmen etwas außerhalb anfangen. Aber Landluft soll ja sehr gesund sein. Und im Auto kann man ganz toll Podcasts hören.
  4. Leise Zweifel: Uff, die Unternehmen stellen ja ganz schöne Ansprüche. Leicht wird es nicht werden.
  5. Laute Zweifel: Das ist ja Wahnsinn! Wer soll das denn alles können? Da bin ich doch völlig unterqualifiziert.
  6. Wut: Die spinnen doch! Geschieht denen ganz recht, dass sie monatelang suchen müssen und trotzdem niemanden kriegen. Arschlöcher!
  7. Angst: Was soll bloß aus mir werden? Wie lange kann ich mir die Miete noch leisten? Und das Auto? Den Brief von der Arbeitsagentur habe ich immer noch nicht aufgemacht. Was die wohl wieder von mir wollen?
  8. Niedergeschlagenheit: Das wird doch nie was. Und wenn ich 1.000 Bewerbungen rausschicke, kriege ich 1.001 Absagen.
  9. Selbstvorwürfe: Ich habe alles falsch gemacht. Hätte ich mich in der Vergangenheit nur mehr angestrengt. So kriege ich jetzt die Quittung für meine Faulheit.
  10. Aufschiebeverhalten: Drei Stunden mit dieser Scheiße sind mehr als genug. Am besten lasse ich es für heute gut sein und gönne mir noch was.

Frisch fährt den Computer herunter und starrt mit hängenden Schultern noch einen langen Moment mit leerem Blick auf den nun ebenfalls leeren Bildschirm.

Er fühlt sich plötzlich müde, ausgebrannt und alt.

Ein erstaunliches Gefühl für einen 26jährigen.


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