Friedman: The business of business is business. Oder nicht?Lesedauer 3 Min.

Friedman: The business of business is business.

Obiger Satz wird dem Ökonomen Milton Friedman zugeschrieben. Er fasst auf jeden Fall die Idee der Shareholder Theory (auch Stockholder Theory, Friedman Doctrine) ganz gut zusammen. Aber gibt es nicht auch so etwas wie Corporate Social Responsibility, Nachhaltigkeit? Haben Unternehmen keine soziale Verantwortung? Aktuell gefragt: Geht es am Ende nicht anders als mit einem Lieferkettengesetz?

Friedman: The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits

Der kurze Aufsatz “The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits” von Friedman aus dem New York Times Magazine stammt zwar aus dem Jahr 1970, ist aber in seiner Klarheit, Stringenz und Radikalität zugunsten einer freien Marktwirtschaft immer noch sehr lesenswert.

Kurz zusammengefasst:

  • Soziale Verantwortung können nur Menschen übernehmen, nicht Unternehmen.
  • Soziale Verantwortung tragen also, wenn überhaupt, die Manager eines Unternehmens, nicht das Unternehmen.
  • Was sie als Privatpersonen denken oder tun, ist in der Diskussion um soziale Verantwortung unerheblich. Es geht nur um die Frage, wie sie das Unternehmensinteresse vertreten.
  • Dieses Interesse lautet nach Friedman eindeutig: den Profit steigern. “… there is one and only one social responsibility of business–to use its resources and engage in activities designed to increase its profits so long as it stays within the rules of the game, which is to say, engages in open and free competition without deception or fraud.”
  • Etwas zugespitzt. Der Manager hat gar kein Recht, fremdes Geld, d. h. das seiner Shareholder, Kunden und Angestellten, anders auszugeben als zum Wohl der Unternehmens. Wenn er “sozial” (Friedman würde eher “sozialistisch” sagen) handelt, indem er z. B. Gewinne für wohltätige Zwecke einsetzt oder Umweltschutz über das Maß hinaus betreibt, das dem Unternehmen nützt, handelt gegen ihr Interesse.
  • Unternehmensvertreter sind außerdem aus Sicht Friedmans Spezialisten für das Führen Ihres Unternehmens. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sie besitzen keine Expertise für gesellschaftliche Fragen und würden die Gelder wahrscheinlich ineffektiv einsetzen. In ein Bild gepackt: Sollte man Boris Becker um Ideen für die Lösung des Nahostkonflikts oder um Hilfe bei der Verbesserung seiner Rückhand bitten? Eben.

Nach der Lektüre waren für mich zwei Erkenntnisse wichtig: der Faktor Zeit und die Verantwortung der Politik.

Der Faktor Zeit

Wenn man das Argument von Friedman akzeptiert, kann man immer noch fragen, ob wir über kurz- oder langfristige Profite sprechen. Wir stellen im Moment ja in vielen Bereichen fest, dass unser Ökonomie nicht nachhaltig arbeitet.

Anders ausgedrückt: Unternehmen zerstören für kurzfristige Profite langfristige.

Somit ist der Begriff des Profits an dieser Stelle zu unscharf.

Klick ruhig. Ich bin bloß Werbung :-)

Gleichzeitig führt der Begriff der Corporate Social Responsibility ein Stück weit in die Irre. Es geht nicht um soziale Verantwortung, sondern um die langfristige Absicherung der Unternehmensprofite und damit um nachhaltigen Erfolg. Anders gesagt: Das Soziale wäre ein Nebeneffekt einer nachhaltigen Wirtschaftsweise.

Spannend dazu beispielsweise eine Studie von Creditreform zur Überlebensdauer von Unternehmen:

  • 2040 sind voraussichtlich 75 Prozent der heute existierenden Unternehmen vom Markt verschwunden.
  • Ein durchschnittliches deutsches Unternehmen wird 16 Jahre alt.
  • Prozentsatz der Unternehmen, die mehr als 100 Jahre alt sind? 1,2 Prozent.

Bedeutet: Nachhaltigkeit kann in Unternehmen nur einen Platz finden, wenn damit langfristig die Profite und damit das Überleben gesichert wird. Mit Blick auf die Zahlen von Creditreform scheint beim Entwickeln des “nachhaltigen Überlebensinstinkts” bei vielen Unternehmen aber noch Luft nach oben zu sein. Oder anders ausgedrückt: Es gibt keinen Business Case für Nachhaltigkeit bzw. soziale Verantwortung.

Die Verantwortung der Politik

Wenn man die Überlebenswahrscheinlichkeit als Maß dafür nimmt, ob man Unternehmen unter den Rahmenbedingungen des heutigen Kapitalismus zutrauen kann, nachhaltig zu handeln, muss man skeptisch werden.

Das hat aber nicht unbedingt etwas mit schlechtem Management zu tun. Ein Vorstand, der quartalsweise Rechenschaft über sein Handeln ablegen und beim einmaligen Streichen der Dividende seinen Hut nehmen muss, wird sich im Zweifelsfall wenig damit beschäftigen, ob “sein” Unternehmen in zehn oder gar 100 Jahren noch existiert. Irgendwie verständlich.

Dafür sprechen auch die beruflichen Werdegänge der Topmanager. Laut Handelsblatt ist ein durchschnittlicher DAX-Vorstandsvorsitzender vier Jahre im Amt. (In diesem Zusammenhang etwas ironisch: Das Handelsblatt hält gerade das für den Beweis, dass solche Positionen kein Schleudersitz sind.)

Das mag bei Familienunternehmen etwas anders aussehen, aber eine Garantie für Nachhaltigkeit ist dieses Modell für sich genommen sicher auch nicht.

Wenn das Thema also, wie Friedman argumentiert, bei den Unternehmen falsch platziert ist, wer bleibt dann noch?

Antwort: Derjenige, der die Rahmenbedingungen setzt. Er muss langfristig denken und handeln. Das ist der Gesetzgeber, die Politik.

Anreize, Gesetze, Steuern, Subventionen … Das Arsenal an Maßnahmen, um einen nachhaltigen Rahmen zu schaffen, innerhalb derer sich Unternehmen bewegen können, wäre groß.

Hier haben wir allerdings drei Probleme:

  1. Auch in der Politik ist – Stichwort Wahlen – kurzfristiges Denken häufig Trumpf. Im Zweifelsfall entscheiden sich Politiker oft eher für den Machterhalt bei der nächsten Wahl als für Maßnahmen, deren positiven Effekte sie politisch nicht mehr erleben.
  2. Der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik verhindert viele Maßnahmen oder verwässert sie zu dem, was dann so niedlich “freiwillige Selbstverpflichtung” oder “runder Tisch” (für eckige Probleme) genannt wird. Dass das nicht funktioniert ist mit Blick auf das Argument von Friedman sehr einleuchtend. Manager, die solche freiwilligen Verpflichtungen oder Diskussionsrunden ignorieren, handeln (wenigstens kurzfristig) rational, weil sie sonst den Profit ihres Unternehmens und damit ihrer Shareholder schmälern würden.
  3. Viele der entscheidenden globalen Probleme sind nicht mehr auf staatlicher Ebene zu lösen. Es gibt aber nach wie vor keine “Weltregierung” mit echten Entscheidungsbefugnissen. Politiker vom Schlage eines Trump, Putin oder Xi Jinping drehen das Rad an dieser Stelle ja eher noch zurück Richtung 19. Jahrhundert.

Wohin geht die Reise?

Die Zeit wird bei vielen der ganz großen Probleme wie Klimawandel oder Artensterben knapp. Teilweise sind wir wohl – Stichwort Tipping Points – schon an einem Punkt angelangt, wo es eher darum gehen müsste, die unvermeidlichen Folgen der Katastrophe zu mildern. Zu Verhindern ist vieles schon jetzt nicht mehr. Aber selbst in dieser Richtung passiert wenig.

Ob Friedman mit Blick auf die heutigen Krisen noch immer so sicher wäre, dass der freie Markt die Antwort ist? Oder würde er sich mit seiner Kritik an dem Begriff der (Corporate) Social Responsibility mit Blick auf die Diskussion um das Lieferkettengesetz bestätigt fühlen?

Wie hat dir dieser Artikel gefallen?

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*