Verhaltensökonomik, Behavioral Finance und die Steinhoff-AktieLesedauer 3 Min.

Lag der Kurs der im MDAX gelisteten Steinhoff-Aktie 2016 noch bei über sechs Euro, wurde die Aktie in der vorletzten Dezemberwoche 2017 mit Kursen unter 30 Cent als Penny Stock gehandelt. Bis September 2018 hatte sich der Kurs dann nochmal halbiert. Aber das Interesse, vor allem bei Privatanlegern, ist riesig. Auf Wallstreet Online zählt die Aktie häufig zu den meistgesuchten und meistdiskutierten Wertpapieren.  Dazu eine Erklärung auf Basis von Verhaltensökonomik und Behavioral Finance.

MDAX-Aktie zum Schnäppchenpreis

Im September 2018 lag der Kurs der Steinhoff-Aktie nur noch bei 15 Cent. Oder anders gesagt: Für 500 € konnte man schon stolzer Besitzer von weit mehr als 3.000 Aktien des Möbelkonzerns werden, der weltweit auf Platz zwei hinter IKEA steht. Und wenn der Kurs eines Tages wieder bei fünf Euro liegt, so wie Anfang 2017, hätte man enorme Gewinne erzielt. Ein Schnäppchen, bei dem man zuschlagen muss. Oder doch nicht?

Gerade auf Privatanleger üben solche sogenannten Pennystocks, also Aktien, die unter 1 der jeweiligen Währung eines Landes gehandelt werden, eine gewaltige Faszination aus.

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Aber warum ist das so? In meinem Blog geht es nicht um Anlageentscheidungen oder Tipps für Investoren, sondern um psychologische Fragen. Hier kann die aktuelle Kursentwicklung der Steinhoff-Aktie als gutes Beispiel dienen, um sich mit der Verhaltensökonomik zu beschäftigen. Betrachten wir daher zwei Perspektiven:

  1. Der rationale Investor, angelehnt an die Theorie des Homo oeconomicus
  2. Der irrationale Investor, der durch die Verhaltensökonomik – in diesem Fall genauer behavioral finance – beschrieben werden kann

Homo oeconomicus und die Steinhoff-Aktie

Klassisch gibt es für die Bewertung von Wertpapieren drei Möglichkeiten:

  1. Fundamentalanalyse, d. h. Bewertung betriebswirtschaftlicher Kennzahlen eines Unternehmens, wie zum Beispiel Umsatz, EBIT, Cash Flow usw. Da die Steinhoff-Holding von einem massiven Bilanzskandal erschüttert wird, ist es im Moment kaum möglich, auf dieser Basis eine solide Aussage über den Zustand des Konzerns zu machen.
  2. Charttechnik, also die Analyse der vergangenen Kursentwicklung der Steinhoff-Aktie auf verschiedenen zeitlichen Ebenen, zum Beispiel Stunden-, Tages- oder Wochenchart. Im Bezug auf die Steinhoff-Aktie lässt sich im Moment im Chartbild keine sichere Bodenbildung oder gar ein Aufwärtstrend erkennen. Aus dieser Perspektive würde man die Aktie also kaum zum Kauf empfehlen können.
  3. Nachrichtenlage: Stand September 2018 konnten sich Tochtergesellschaften, ist die Insolvenz noch immer nicht abgewendet. Also keine guten Nachrichten, die einen Einstieg nahelegen würden.

Fazit: Für einen rationalen Investor gäbe es im Moment keinen Anlass, die Steinhoff-Aktie zu kaufen. Mit Blick auf die Theorien der Verhaltensökonomik sieht die Sache allerdings anders aus.

Verhaltensökonomik und die Steinhoff-Aktie

Boerse.ARD zeigt in einem gut aufbereiteten Artikel typische Fehler von Anlegern auf, die auf irrationalen Entscheidungen beruhen. Im Bezug auf den Kauf von Pennystocks, um die professionelle Anleger gewöhnlich einen weiten Bogen machen, sind folgende Fehler besonders wichtig.

1. Fehler: Missachten von Trends

Trends haben eine wichtige Eigenschaft: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie weitergehen, ist höher, als dass sie enden. Diese Erkenntnis ist unabhängig davon, ob es sich um einen Aufwärts-  oder Abwärtstrend handelt. Dennoch entscheiden Anleger häufig genau entgegengesetzt: Aus Angst zu teuer zu kaufen, verzichten sie auf den Einstieg in einen Aufwärtstrend. In der Hoffnung auf einen billigen Einstieg kaufen sie in einem Abwärtstrend. Die alte Börsenweisheit “never try to catch a falling knive” bringt dieses Fehlverhalten plastisch auf den Punkt. Bezogen auf die Steinhoff-Aktie könnte man nun leicht dem Glauben erliegen, dass der Zeitpunkt zum Einstieg aufgrund des heftigen Abwärtstrends gerade besonders günstig ist. Auch optisch wirkt die Aktie – Stichwort Pennystock – günstig.

2. Fehler: Selektive Wahrnehmung

Ist man der Illusion eines günstigen Kaufs einmal aufgesessen, greift häufig ein zweiter Fehler: selektive Wahrnehmung. (Spannende Videos zum Thema “selektive Wahrnehmung” findest Du in diesem Artikel.) Nachrichten, die beispielsweise auf eine Ausweitung des Bilanzskandals bei Steinhoff auf die Jahre vor 2016 oder einen Rückzug der Gläubiger hinweisen, blendet der irrationale Investor aus. Stattdessen konzentriert er sich auf die eine Internetseite, die den Kauf der Aktie zum jetzigen Zeitpunkt als Geheimtipp anpreist. Oder bekommt von einem Bekannten, der schon einmal mit einer solchen Spekulation einen hohen Gewinn erzielt hat (und die vielen Verluste bei ähnlichen Anlageentscheidungen verschweigt), eine Kaufempfehlung.

3. Fehler: Framing-Effekt

Hier geht es um die Erkenntnis der Verhaltensökonomik, dass die Risikobereitschaft nicht nur von der Situation abhängt, sondern auch von der Art und Weise, in welchen Rahmen sie gepackt wird. Bezogen auf Pennystocks bedeutet das zweierlei.
Zum einen wirken Pennystocks billig. Das ist natürlich eine Illusion, den der Wert der einzelnen Aktie sagt ja überhaupt nichts über den Anteil aus, den man an einem Unternehmen erwirbt. Genauso wenig kann man aus dem Preis ableiten, ob eine Aktie gerade günstig ist oder nicht. Eine prozentuale Betrachtung macht das deutlich. Verliert die Steinhoff-Aktie bei einem Kaufpreis von 0,30 € “nur” 9 Cent, sind 30 % des eingesetzten Kapitals vernichtet – ob von investierten 1.000 oder 100.000 €.
Zum anderen scheint ein sehr starker Kursverfall wie bei der Steinhoff-Aktie einen Frame zu erzeugen, der Anleger glauben lässt, dass es nicht mehr weiter bergab gehen kann und das Schlimmste vorbei ist. Dazu kommt noch die Vorstellung eines “too big to fail”, also der Annahme, dass ein Konzern mit Milliardenumsätzen sich nicht einfach in Luft auflöst. Beispiele wie Enron, Chrysler oder Lehmann Brothers könnten dabei den kritischen Investor eines Besseren belehren.

Fazit

Einige Annahmen der Verhaltensökonomik bzw. Behavioral Finance liefern gute Hinweise, warum sich gerade Privatanleger zu Aktien, die durch schnelle Kursverluste zu Pennystocks geworden sind, hingezogen fühlen. Und warum sie sich dabei oft genug kräftig die Finger verbrennen.

*Bitte beachten: Die in diesem Artikel enthaltenen Angaben stellen keine Anlageberatung dar.

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