Aufrichtiger DankLesedauer 2 Min.

Aufrichtiger Dank

Flachser sitzt seit einer knappen Stunde vor dem Entwurf der E-Mail an Dr. Siebertz & Partner.
Und ringt mit der Frage, wie er sich für den Auftrag beim gleichnamigen Eigentümer in geeigneter Weise bedanken soll.

Der Deal ist der größte Fischzug der letzten sechs Monate und Flachser ist immer noch baff erstaunt, dass sein Arbeitgeber sich mit seinem Angebot (hoher Preis bei wenig Leistung) gegen die nicht gerade kleine Konkurrenz durchsetzen konnte.

Umso nervöser ist das gesamte Haus bis hinauf zur Geschäftsführung, und jede Kommunikation mit dem neuen Schlüsselkunden wird auf die Goldwaage gelegt.

Flachsers Chef hatte ihm für die konkrete Ausgestaltung des Dankschreibens noch die Wünsche des CEOs mit auf den Weg gegeben:

  • Freundlich, ohne unterwürfig zu sein
  • Dankbar, aber nicht zu kriecherisch
  • Herzlich, nur bloß nicht zu kumpelhaft und anbiedernd
  • Voller Einsatzbereitschaft, aber keinesfalls zu aktionistisch

Ein Briefing, wie Flachser es in seiner fehlenden Klarheit und Prägnanz von CEOs gewohnt ist. Trotzdem kann er sich noch immer herrlich darüber aufregen.

Bis jetzt hat er fünf Entwürfe für das Schreiben angefangen – und sie jedes Mal nach kurzem Nachdenken wieder gelöscht.
Allein der Einstieg:

  • Sehr geehrter Herr Dr. Siebertz,
    im Namen unseres Hauses möchte ich Ihnen meinen tiefempfundenen Dank …
    Zu förmlich.
  • Lieber Herr Dr. Siebertz,
    wir sind so dankbar, dass Sie …
    Zu anbiedernd.
  • Hallo Herr Dr. Siebertz,
    es ist wirklich toll, dass wir …
    Zu flapsig.
  • Guten Tag Herr Dr. Siebertz,
    nochmals ganz herzlichen Dank für Ihren Auftrag …

Flachser entscheidet sich nach längerem Überlegen für die letzte Variante, nicht ohne sich aber ausdrücklich eine Änderungsoption vorzubehalten.

“Wir sind …”

Klick ruhig. Ich bin bloß Werbung :-)

Ja, was sind wir denn eigentlich, fragt er sich.
Erfreut? Begeistert? Glücklich? Dankbar?

Flachser, den wenig so nervt wie das Verfassen schleimiger Dankes-E-Mails, spürt, dass er Druck abbauen muss.

Wütend tippt er:

Hey Siebertz,

Wir können unser unverschämtes Glück darüber, dass wir diesen fetten Auftrag aus Eurem Haus ergattert haben, immer noch nicht fassen. Gerade noch rechtzeitig, sonst hätten wir die Klitsche endgültig dichtmachen müssen.
Das Knallen der Champagnerkorken in der Chefetage hört man sogar noch hier unten im Maschinenraum.

Auf so ein überteuertes Angebot ist aber wirklich auch schon lange keines unserer Opfer mehr hereingefallen.
Wir werden wie immer die größten Anstrengungen unternehmen, Ihr in uns gesetztes Vertrauen nachhaltig und bitter zu enttäuschen.

Herzlichst
Klaus Flachser

Er lacht kurz laut auf, fühlt sich für einen Moment besser und greift dann zur Maus.

Hätte er, wie bei den vorherigen Entwürfen, auch dieses Mal auf “Löschen” und nicht auf “Senden” geklickt, wäre ihm das persönliche Gespräch mit seinem CEO und der Personalabteilung vermutlich erspart geblieben.


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