Berger verschnupftLesedauer 2 Min.

Berger verschnupft

„Geh-niesen?“

Berger blickt fassungslos auf das Plakat mit der jungen Frau, die frontal und herzhaft in die Kamera niest.
Darunter, ganz klein, eine Packung Taschentücher und, deutlich größer, der neue Slogan der – bisher etwas angestaubten – Marke:

„Schneuzich – schneuz ich.“

Als neuer Marketingleiter des Familienunternehmens Schneuzich, eines der größten Papiertaschenproduzenten der Republik, war es eine von Bergers ersten Entscheidungen, die seit Jahren etablierte Haus-und-Hof-Agentur zu feuern und nach einem umfangreichen Pitch die noch relativ unbekannten Werber von „Die Viralogen“ ans Ruder zu lassen.
(Dass der Inhaber der neuen Agentur ein alter Studienfreund ist, hat er Herrn Schneuzich Senior und dem Rest des Vorstands vorsichtshalber verschwiegen.)

„Super, oder?“
Dem präsentierenden Creative Director scheinen Bergers hochgezogenen Augenbrauen vollständig zu entgehen.

„Wir engagen die Audience so richtig emotional und mit einem cleveren Wordplay. Nicht ganz einfach bei einem solchen Low-Involvement-Produkt wie Taschentüchern. Und Eure Brand ist ja in den letzten Jahren auch ganz schön geaged. Aber mit unserer Campaign starten wir den Rejuvenation-Prozess. Niesen ist nicht peinlich oder unangenehm. Es ist ein echter Pleasure-Moment für Millenials. Gerade in Zeiten von Corona.“

Nachdem Berger noch die Umsetzung der Kampagne in diversen anderen Medien und Kanälen über sich ergehen lassen und unter anderem mitansehen muss, wie ein junger Mann eine Kerze in Superzeitlupe ausniest, gelingt es ihm, die von sich selbst völlig euphorisierten Mitarbeiter von “Die Viralogen” aus seinen Büro hinauszukomplimentieren.

Berger bleibt alleine in seinem Büro zurück. Nun, nicht ganz alleine. Zwei Gedanken sind ganz nah bei ihm:

Klick ruhig. Ich bin bloß Werbung :-)
  1. 125.000 €! Dafür haben wir 125.000 € bezahlt!
  2. Wenn ich das dem Vorstand präsentiere, fliege ich. Noch in der Probezeit.

Aber Berger ist nicht der Typ, der so einfach aufgibt.

Im Prinzip ist die Idee ja gut. Der Marke neues Leben einzuhauchen. Etwas mutiger zu werden – und eine jüngere Zielgruppe anzusprechen.
Einen etwas frischeren Ansatz zu wählen, der Aufmerksamkeit erzeugt, zu Diskussionen anregen kann und ja, durchaus auch ein wenig kontrovers sein darf.
Man muss das Ganze nur, sagen wir, etwas “einhegen”.
Evolution statt Revolution, sozusagen.

Nach einem detaillierten Rebriefing von Berger und mehreren Abstimmungsrunden liegt der finale Vorschlag von “Die Viralogen” vier Wochen später schließlich auf seinem Schreibtisch.
Berger ist zufrieden, und auch die Geschäftsführung äußert sich nach anfänglicher Skepsis über den in ihren Augen etwas gewagten Ansatz schließlich doch mit knapper Mehrheit zustimmend.

Eine Woche später wird die neue Werbekampagne in den wichtigsten Kanälen (Print, Plakat, Online, Social Media, Point of Sale) ausgespielt.

Das Motiv: eine gut ausgeleuchtete Packung Schneuzich-Taschentücher in Großaufnahme.
Darunter der brandneue Slogan:

„Schneuzich-Taschentücher. Jetzt in der praktischen 14er-Packung.“


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