Buchtipps: „Im Keller“ und „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ – eine Entführung, zwei PerspektivenLesedauer 2 Min.

Heute mal sozusagen zwei spannende Buchtipps in einem: „Im Keller“ von Jan Philipp Reemtsma und „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer. Wie du am Autor vielleicht schon erkannt hast, geht es um die Reemtsma-Entführung.

Die Reemtsma-Entführung

Kurz zum Hintergrund: 1996 wurde der Multimillionär und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, entführt. 33 Tage wurde er in einem Keller festgehalten, bevor er nach Zahlung eines hohen Lösegeldes wieder freikam. Die Tage im Keller musste mit einer zwei Meter langen Kette am Fuß verbringen.
Der Haupttäter Thomas Drach wurde übrigens in Argentinien 1998 verhaftet, nach Deutschland ausgeliefert und zu fast 15 Jahre Haft verurteilt. Seit 2013 ist er wieder auf freiem Fuß. Drei Mittäter fasste die Polizei ebenfalls. Sie wurden zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Ein Teil der Beute ist bis heute verschwunden.

Im Keller

Dieses traumatische Erlebnis verarbeitete der äußerst belesene und reflektierte Wissenschaftler Reemtsma 1997 in seinem Buch „Im Keller“.
Schon auf den ersten Seiten erkennt der Leser die Zerrissenheit, die den Autor beim Schreiben des Buchs auf Schritt und Tritt begleitet haben muss. Einerseits erkennt Reemtsma, dass er die „Intimität“ seiner Beziehung zu den Tätern und das Trauma des Aus-der-Welt-Gefallen-Seins nur ein Stück weit aufbrechen kann, indem er der Öffentlichkeit darüber berichtet. Gleichzeitig stellt sich der Autor mit dieser Entscheidung aber mit seinen innersten Gefühlen quasi selbst ins Scheinwerferlicht und unter das Mikroskop eben dieser Öffentlichkeit.

Reemtsma löst dieses Problem für sich teilweise dadurch, dass er von seiner Zeit im Keller nur in der Er-Form schreibt. Der häufig nüchterne und an Fakten orientierte Ton verdeutlicht nur umso stärker, wie tief der Schock des Erlebten sitzen muss. Auch Ironie und Humor, die er sich während und nach der Entführung mühsam zurück erkämpfen musste, blitzen an vielen Stellen des Buches durch. Aber auch hier merkt man schnell: Der Witz dient als Mittel der emotionalen Abgrenzung vom Unaussprechlichen, Unerträglichen.

Wenige Sätze zeigen, wie wenig sich ein solches Erlebnis – Reemtsma weigert sich, im Zusammenhang mit seiner Entführung von einer “Erfahrung” im Sinne von etwas, dass eine Lehre zu bieten hätte, zu sprechen – auch nach der Freilassung ins Leben integrieren lässt: „Nichts war vorbei. Nichts würde vorbei sein. Von einer Minute auf die andere konnte die Welt wieder einstürzen. Das ist die Wahrheit von 33 Tagen.“

„Im Keller“ ist sicher keine leichte Kost, aber ein zutiefst beeindruckendes und großartig geschriebenes Buch.

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Viele Jahre später, genauer gesagt 2018, schrieb Jan Philipp Reemtsmas Sohn, der heute 33-jährige Johann Scheerer, aus Sicht des damals Jugendlichen, wie er die Entführung seines Vaters erlebte. Ein ganz anderes Buch, aber ein nicht weniger lesenswertes.

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Das eines Jugendlichen, der erleben muss, wie der Vater entführt wird, und sich das Zuhause in ein Lagezentrum der Polizei verwandelt, von wo aus mit den Entführern über die Geldübergabe verhandelt wird. Der die Anrufe der Entführer mit verzerrter Stimme erleben und die Ungewissheit, seinen Vater vielleicht nicht lebend wiederzusehen, ertragen muss. Aber der auch mit der Langeweile eines zum Nichtstun Verdammten konfrontiert wird.

Fazit: klare Leseempfehlung

Zwei Seiten derselben Geschichte: Meines Wissens gibt es keine vergleichbare Aufarbeitung einer Entführung. Gerade in der Zusammenschau sind die beiden Bücher eine packende, beeindruckende und überaus spannende Lektüre.
Beide Werke gibt es zusammen für etwas mehr als 30 € bei Amazon. Zeit und Geld sind gut investiert.

Extra-Tipp: Der Podcast über die Reemtsma-Entführung bei „Zeit Verbrechen“

Noch ein Tipp zum Schluss: Der Podcast „Zeit Verbrechen“ der Wochenzeitung „Die Zeit“, hat der Entführung und den beiden Büchern unter dem Titel „Der lange Schatten der Reemtsma-Entführung“ eine komplette Sendung gewidmet, die absolut hörenswert ist. Auch die vielen Fehler bei der polizeilichen Arbeit werden hier klar und deutlich angesprochen – und lassen einem mehr als einmal die Haare zu Berge stehen.

Wer den Podcast  „Zeit Verbrechen“ übrigens noch nicht kennt, dem sei gesagt: Achtung, Suchtgefahr!

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