Der Dresscode am Ende? Und was dann?Lesedauer 2 Min.

Als ich vor einigen Jahren einen neuen Job begann, startete ich am ersten Tag im Anzug. Dann folgte das Übliche: kräftige, schlaffe, schwitzige, trockene Hände, die meine drückten. Eine Namenslawine, die sich kein Mensch merken konnte und nach zwei Stunden schmerzende Mundwinkel vom vielen Lächeln. In einer Pause sagte mein neuer Vorgesetzter freundlich zu mir: “Du musst hier nicht jeden Tag im Anzug auflaufen. Bei uns gibt es keinen Dresscode.” Ich erwiderte ebenso freundlich: “Danke für den Tipp. Aber mir gefällt das sogar ganz gut und ich habe von meinem letzten Job noch einige im Schrank hängen.” Als ich am nächsten Tag im Anzug kam, fragte mich einer meiner neuen Kollegen lächelnd, ob denn heute mein Geburtstag sei. Oder warum sonst hätte ich mich so in Schale geworfen? Am Ende der Woche bekam ich mit, dass hinter meinem Rücken die Diskussion begonnen hate, ob ich ins Unternehmen passe.

Der neue Dresscode: alles, nur keine Anzüge!

Die meisten von uns haben in den letzten Jahren wohl eine Lockerung des Dresscodes miterlebt. Selbst in Banken, Versicherungen und Unternehmensberatungen geht es nicht mehr ganz so formell zu wie früher. Zumindest die Krawattenpflicht als Teil der Kleiderordnung bei Männern ist äußerst selten geworden, teilweise ist die Krawatte inzwischen sogar verpönt. Viele Branchen und ihre Stars – man denke an Jobs, Zuckerberg, Musk, Zetsche usw. – definieren sich beinahe ein Stück weit über das bewusste Abweichen vom Dresscode der Old Economy.

Casual is King, sozusagen.

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Die Old Economy zieht nach – oder versucht es zumindest

Bei Vertretern der klassischen Branchen scheint es dann auch den Versuch zu geben, durch Abschaffung des Dresscodes näher an die New Economy heranzurobben.  Statt für Social Media und Suchmaschine muss der Nachwuchs aber beispielsweise  für spritschluckende Autos oder Zeitungen mit großen Buchstaben begeistert werden. Nehmen wir den inzwischen 65jährigen Dieter Zetsche, der bei öffentlichen Auftritten praktisch nur in Sneakern und mit offenem Hemd zu sehen ist.  Oder Kai Diekmann, der bei seiner Bildungsreise ins Silicon Valley gleich auch den dortigen Dresscode übernahm.

Schaut uns an, rufen uns die Fotos dieser Unternehmenslenker – vielleicht etwas zu verzweifelt – zu: Wir können auch jung, innovativ, Internet und bald sogar Elektro, Solar und Wasserstoff. Die Energy Drinks und SH’BAM-Kurse gibt es für MitarbeiterInnen kostenlos. Einmal im Monat ist Fortnite-Night. Und die erste Frau sitzt auch schon im Vorstand.

Die Anzüge verschwinden, die Hierarchien bleiben

Die Abschaffung eines Dresscodes ist im Unternehmen eben häufig kein Zufall oder Selbstzweck, sondern, siehe oben, der Versuch, eine neue Unternehmenskultur zu etablieren. Weniger uniformiert und individueller soll es zugehen. Flacher und durchlässiger sollen die Hierarchien werden und weniger durch Statusdenken und -symbole einzementiert. Informeller, weniger förmlich und freundlicher soll die Atmosphäre sein. Ob das funktioniert?

Spätestens, wenn es bei der Frage, welche Management-Ebene welche Fahrzeugklasse als Dienst- oder Mietwagen bekommt, welche Hotelkategorie für wen zulässig ist, und ab welcher Entfernung von wem Business Class gebucht werden darf, zu erbitterten Diskussionen kommt, beschleichen einen dann doch leichte Zweifel.

Eine Lektüre von Martin Suters Büchern aus der Business Class kann da ganz entspannend wirken.

Verschwimmen von Beruf und Privatleben

Einen für viele Mitarbeiter im ersten Moment nicht so leicht erkennbaren Nebeneffekt hat die Auflösung des Dresscodes außerdem noch: Mit ihr verwischt auch die Grenze zwischen beruflich und privat.

Wo früher noch das Ablegen von Anzug oder Kostüm oder das Lockern der Krawatte das Ende des Arbeitstages einläuteten, gibt es solche Rituale bei Berufen, die man in Freizeitkleidung und am besten noch im Homeoffice verrichtet, nicht mehr. Ob das das Gefühl verstärkt, immer in der Freizeitrolle zu sein oder doch immer auch ein Stück in der Berufsrolle zu festzustecken, hängt wohl stark vom Einzelnen ab.

Empfehlenswert ist es sicher, sich neue Rituale anzugewöhnen, wie zum Beispiel das – Stichwort Achtsamkeit – bewusste Ausschalten des Firmenhandys beim nach Hause kommen.

Welche Erfahrungen hast du mit Dresscodes in deiner beruflichen Laufbahn gemacht?

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Danke

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