Homeoffice und Teamgeist – ein Widerspruch?Lesedauer 2 Min.

Orchester, Armee, Fußballmannschaft, Kloster: Bei Weiterbildungen zum Thema Teamentwicklung, Teamgeist u. ä. habe ich oft Sprecher aus solchen und vergleichbaren Organisationen gehört. Sie wurden eingeladen, um den anwesenden Führungskräften zu erklären, wie man leistungsfähige Teams schmiedet. Das Wort “Homeoffice” tauchte bei solchen Vorträgen dann eher selten auf. Was zeichnet also “verschworene Gemeinschaften” aus, bei denen Höchstleistungen erzielt werden, und was bedeutet das für Unternehmen?

Alle an Bord, alle mir nach

Wenn man nach Gemeinsamkeiten solcher Organisationen sucht, springen zwei sofort ins Auge:

  1. Es gibt einen klaren Anführer, ob er nun Dirigent, Captain, Trainer oder Abt heißt. Diese Person besitzt qua Amt (und hoffentlich auch qua Charisma, Intelligenz, Leistung, Empathie usw.) eine ganze Menge Macht über sein Team.
  2. Der Anführer und die Mitglieder des Teams sind den überwiegenden Teil der Zeit physisch am selben Ort anwesend und arbeiten eng zusammen.

Wer ist hier der Boss – und wo sind denn alle?

Wie anders sieht die Realität dagegen heute in vielen Unternehmen aus.

  1. Agile Organisation, Holokratie, demokratisches Unternehmen: Die klassische Rolle des “Chefs” verschwindet und klare Hierarchien und Entscheidungsprozesse lösen sich zunehmend auf. Was natürlich nicht heißt, dass sie völlig verschwunden wären. Ein Satz wie “Frau X ist meine fachliche und Herr Y mein disziplinarischer Vorgesetzter” ist ein schönes Beispiel für dieses Symptom – und die daraus schon fast zwangsläufig entstehenden Schizophrenien in solchen Organisationen.
  2. Homeoffice, virtuelle Teams, digitales Nomadentum: Die klassische Arbeitswelt der Elterngeneration ist für viele Arbeitnehmer schon lange Geschichte. Es bleibt aber eine spannende Frage, wie sich in solchen virtuellen Organisationen Vertrauen und Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern eines Teams entwickeln kann. Anders gefragt: Wie kann Teamgeist entstehen, wenn man kaum noch gemeinsam in einem Raum ist?

Die Technik wird’s schon (hin)richten

“Virtuelle Teams? Kein Problem, wir haben ja Skype, das Intranet und im Firmen-Wiki steht alles, was man wissen muss.”

Der Glaube, dass technische Lösungen obige Herausforderungen quasi automatisch lösen, ist verführerisch. Wer dann die Wüste oder alternativ das Chaos besichtigt, dass solche “Lösungen” hinterlassen, wird eines Besseren belehrt. Eine gelungene Implementierung setzt eine Menge Zusammenarbeit und Willen aller Beteiligten voraus. Und nicht zuletzt engagierte Führungskräfte, die “den Laden zusammenhalten”.

Aber bieten nicht immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern Homeoffice und anderer flexible Lösungen an?

Das kann man interessanterweise nicht pauschal so sagen. Gerade das Who’s who der IT-Branche hat die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice wieder zurückgefahren.

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Homeoffice und die Rolle rückwärts

So setzen Yahoo, HP und IBM wieder verstärkt auf die Anwesenheit ihrer Mitarbeiter und schaffen die großzügigen Homeoffice-Regelungen der Vergangenheit ab.

Die Erkenntnis: Physische Anwesenheit möglichst viele Mitarbeiter verbessert das Arbeitsergebnis.

Und auch andere große Namen aus der Welt der Bits und Bytes versuchen, mit Anreizen Ihre Mitarbeiter wieder ins Büro zu locken: “Branchenkonzerne wie Apple, Facebook oder Google setzen aus diesem Grund schon lange darauf, möglichst viele Angestellte an einem Ort zusammenzubringen und mit Vergünstigungen wie kostenlosem Essen, Massagen, Wäscheservice oder Kinderbetreuung zu locken.” (IBM will vom Home Office nichts mehr wissen, heise.de)

Eine bemerkenswerte Erkenntnis von Unternehmen, die ja gerade federführend dabei waren, die technischen Voraussetzungen für die Arbeit im Homeoffice überhaupt erst zu schaffen.

Es entbehrt mit Blick auf diese Erkenntnis auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Bundesregierung jetzt über einen gesetzlich festgelegten Anspruch auf das Arbeiten im Homeoffice nachdenkt …

Und jetzt?

Sicher bietet die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice Arbeitnehmern eine ganze Menge Möglichkeiten, Arbeit, Familie und Freizeit besser unter einen Hut zu bringen. Auch haben Organisationsformen wie das Großraumbüro gravierende Nachteile. Den positiven Effekten für die Unternehmen und Mitarbeiter (höhere Zufriedenheit, Motivation, teilweise höheres Arbeitspensum) stehen allerdings auch Risiken gegenüber: schlechtere Zusammenarbeit, Reibungsverluste, Kommunikationsdefizite.

Der Mensch ist eben nicht digital. Eigentlich eine schöne Erkenntnis.

Sollte man also versuchen, das Homeoffice wieder abzuschaffen? Nein, aber Unternehmen sollten sich der Risiken bewusst sein und entsprechend gegensteuern.

Welche Zusammenarbeit hast du mit Homeoffice und vergleichbaren Möglichkeiten gemacht?

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