Homeoffice und Teamgeist – ein Widerspruch?Lesedauer 3 Min.

Homeoffice Teamgeist

Orchester, Armee, Fußballmannschaft, Kloster: Bei Weiterbildungen zum Thema Teamentwicklung, Teamgeist u. ä. habe ich oft Sprecher aus solchen und vergleichbaren Organisationen gehört. Sie wurden eingeladen, um den anwesenden Führungskräften zu erklären, wie man leistungsfähige Teams schmiedet. Das Wort “Homeoffice” tauchte bei solchen Vorträgen dann eher selten auf. Was zeichnet also “verschworene Gemeinschaften” aus, bei denen Höchstleistungen erzielt werden, und was bedeutet das für Unternehmen – gerade im Hinblick auf die zunehmende Arbeit von Zuhause im Zuge der COVID-19-Pandemie?

Alle an Bord, alle mir nach

Wenn man nach Gemeinsamkeiten solcher Organisationen sucht, springen zwei sofort ins Auge:

  1. Es gibt einen klaren Anführer, ob er nun Dirigent, Captain, Trainer oder Abt heißt. Diese Person besitzt qua Amt (und hoffentlich auch qua Charisma, Intelligenz, Leistung, Empathie usw.) eine ganze Menge Macht über ihr Team.
  2. Der Anführer und die Mitglieder des Teams sind den überwiegenden Teil der Zeit physisch am selben Ort anwesend und arbeiten eng an einem gemeinsamen Ziel (der Weltmeisterschaft, dem Sieg, einem harmonischen Klang usw.) zusammen.

Wer ist hier der Boss – und wo sind denn alle?

Wie anders sieht die Realität dagegen heute in vielen Unternehmen aus.

  1. Agile Organisation, Holokratie, demokratisches Unternehmen: Die klassische Rolle des “Chefs” löst sich zusammen mit klaren Hierarchien und Entscheidungsprozessen immer mehr auf. Was natürlich nicht heißt, dass sie völlig verschwunden wären. Ein Satz wie “Frau X ist meine fachliche und Herr Y mein disziplinarischer Vorgesetzter” ist ein schönes Beispiel für dieses Symptom – und die daraus schon fast zwangsläufig entstehenden Schizophrenien in solchen Organisationen.
  2. Homeoffice, virtuelle Teams, digitales Nomadentum: Die klassische Arbeitswelt der Elterngeneration mit festen Bürozeiten und Face-to-Face-Meetings ist für viele Arbeitnehmer schon lange Geschichte – spätestens seit dem Coronavirus. Es bleibt aber eine spannende Frage, wie sich in solchen virtuellen Organisationen Vertrauen und Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern eines Teams entwickeln und erhalten kann. Anders gefragt: Wie kann Teamgeist entstehen, wenn man sich kaum noch gemeinsam in einem Raum aufhält?

Das ganze Thema hat durch das Coronavirus natürlich noch deutlich an Dynamik gewonnen.

Die Technik wird’s schon (hin)richten

“Virtuelle Teams? Kein Problem, wir haben ja Skype, Microsoft Teams, Confluence, Jira, Slack, und Sharepoint. Außerdem steht im Firmen-Wiki alles, was man wissen muss.”

Der Glaube, dass technische Lösungen obige Herausforderungen quasi automatisch lösen, ist verführerisch. Wer dann die Wüste oder alternativ das Chaos besichtigt, dass solche “Lösungen” häufig hinterlassen, wird schnell eines Besseren belehrt. Eine gelungene Implementierung setzt eine Menge Expertise, Zusammenarbeit und den Willen – oder wie im Fall von Corona die Not – aller Beteiligten voraus.

Und nicht zuletzt engagierte Führungskräfte, die “den Laden zusammenhalten”.

Klick ruhig. Ich bin bloß Werbung :-)

Aber bieten nicht immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern Homeoffice und anderer flexible Lösungen an?

Das kann man interessanterweise nicht pauschal so sagen. Gerade das Who’s who der IT-Branche hatte vor Corona die Möglichkeit zur Arbeit im Homeoffice wieder zurückgefahren.

Homeoffice und die Rolle rückwärts

So setzen Yahoo, HP und IBM wieder verstärkt auf die Anwesenheit ihrer Mitarbeiter. Die großzügigen Homeoffice-Regelungen der Vergangenheit werden dabei wieder abgeschafft.

Die Erkenntnis: Physische Anwesenheit möglichst viele Mitarbeiter verbessert das Arbeitsergebnis.

Und auch andere große Namen aus der Welt der Bits und Bytes versuchen, mit Anreizen Ihre Mitarbeiter wieder ins Büro zu locken: “Branchenkonzerne wie Apple, Facebook oder Google setzen aus diesem Grund schon lange darauf, möglichst viele Angestellte an einem Ort zusammenzubringen und mit Vergünstigungen wie kostenlosem Essen, Massagen, Wäscheservice oder Kinderbetreuung zu locken.” (IBM will vom Home Office nichts mehr wissen, heise.de)

Eine bemerkenswerte Erkenntnis von Unternehmen, die ja gerade federführend waren und sind, technische Voraussetzungen für die Arbeit im Homeoffice überhaupt erst zu schaffen.

Es entbehrt mit Blick auf diese Erkenntnis auch nicht einer gewissen Ironie, dass die Bundesregierung jetzt einen gesetzlichen Anspruch auf Arbeit im Homeoffice diskutiert.

Vor- und Nachteile

Sicher bietet die Arbeit im Homeoffice Arbeitnehmern tolle Möglichkeiten, Arbeit, Familie und Freizeit besser unter einen Hut zu bringen. Auch haben Organisationsformen wie das Großraumbüro gravierende Nachteile, wie du hier nachlesen kannst.

Für die Unternehmen ergeben sich gewaltige Einsparpotenziale, z. B. bei Reisekosten und Büroflächen. Auch zeigt sich immer wieder, dass Arbeitnehmer im Homeoffice tendenziell mehr arbeiten als im Büro. Ein schöner Produktivitätsgewinn. Ob das allerdings so bleibt, wenn die Arbeit von Zuhause als Normalität und nicht mehr als neu gewonnene Freiheit wahrgenommen wird, muss sich langfristig erst noch zeigen.

Den positiven Effekten für Unternehmen und Mitarbeiter (höhere Zufriedenheit, Motivation, teilweise höheres Arbeitspensum) stehen allerdings auch Risiken gegenüber: schlechtere Zusammenarbeit, Reibungsverluste, Kommunikationsdefizite. Der zufällige Austausch zwischen Mitarbeitern entfällt, ebenso der “Flurfunk”, das gemeinsame Mittagessen oder die Kaffeepause usw.  Es wird spannend sein, zu sehen, wie wichtig diese Form der Kommunikation am Ende für eine reibungslose Zusammenarbei, das Entstehen von Innovationen usw. ist.

Ein weiteres Problem: Viele der Vorteile stellen sich unmittelbar ein. Außerdem lassen sie sich relativ leicht messen, beispielsweise die Kostenersparnis aus gesunkenen Reisekosten oder Büromieten. Die Nachteile wird man dagegen in vielen Fällen, z. B. bei einer schleppend verlaufenen Einarbeitung eines neuen Teammitglieds, erst deutlich später besichtigen und schwerer berechnen können.

Das bloße Einführen irgendwelcher Softwarelösungen garantiert, wie schon gesagt, ebenfalls nicht den Erfolg des Experiments Homeoffice. Der Mensch ist am Ende eben nicht digital. Eigentlich eine schöne Erkenntnis …

Und jetzt?

Sollte man also versuchen, Homeoffice und mobiles Arbeiten wieder abzuschaffen? Nein, wie bei vielen Dingen im Leben macht sozusagen die Dosis das Gift. Wo 50 % Homeoffice für ein Team noch gut funktionieren mag, können 80 oder 100 % den Todesstoß bedeuten.

Außerdem sollten Unternehmen sich Risiken und Herausforderungen bewusst machen sein und Lösungen entwickeln. Das fängt bei häufigeren, fest geplanten Gesprächsterminen mit der Führungskraft an und reicht bis zu virtuellen “Townhalls” für das Unternehmen.

Spannend ein aktueller Artikel im Handelsblatt mit dem Titel “Allianz macht Homeoffice zur Dauerlösung – mit weitreichenden Folgen”.

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