Stop an der Lebensmittelampel oder: Ein Manager sieht rot (aus meinem Buch “Das Manager-Manifest 2”)Lesedauer 2 Min.

Schröder hasst Ampeln.

Nicht im Straßenverkehr.

Obwohl, da eigentlich auch.

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Oder hätten Sie Lust sich die ständigen neidischen (3er BMW-Fahrer) bis hasserfüllten Kommentare (minderjährige Klimaschützer) anzuhören, wenn sie mit ihrem Porsche 911 Carrera 4 S trotz Kick-Down mal wieder Gelb verpasst haben?

Eben.

Aber was Schröder wirklich mit Wut erfüllt, ist die absurde Idee einer Lebensmittelampel.

Er kann auf Politiker verzichten, die den Konsumenten grüne, gelbe und rote Kreise auf Verpackungen malen, um ihnen vorzuschreiben, was sie essen sollen und was nicht.

Und ganz abgesehen davon: Es kommt auf eine ganz-heit-li-che Betrachtung an. Wie viel man sich bewegt. Ob man Alkohol trinkt, raucht. Welche erblichen Vor- oder Nachteile man mitbekommen hat. Die Welt ist eben nicht schwarz-weiß.

Aber das interessiert diese Oberschlauberger aus Brüssel natürlich nicht im Geringsten. Hauptsache, man kann mal wieder den Bürger bevormunden.

Wenn Schröder ganz ehrlich zu sich selbst ist – etwas, woran sein Therapeut nun schon seit fast zwei Jahren mit ihm weitgehend erfolglos arbeitet – hat seine Verärgerung vielleicht aber auch noch einen anderen Grund: Er ist der CEO eines Konsumgüterunternehmens, dessen Produkte, sagen wir, das Leben „von der süßen Seite“ nehmen.

Softdrinks, Getränkepulver, Eiscreme, Fertigpizzen und anderes mehr, das sich nicht gerade durch ein Übermaß an Vitaminen und Ballaststoffen auszeichnet.

Man könnte es auch so ausdrücken: Wer Schröders Produkte kauft, sollte besser weder unter Diabetes noch Übergewicht leiden.

Interessanterweise ist genau das die Hauptzielgruppe seines Angebots, wie ihm die Marktforschungsabteilung seines Unternehmens immer wieder versichert. Irgendwie ironisch, denkt Schröder.

Eine Lebensmittelampel kann er daher jedenfalls ungefähr genauso gut gebrauchen, wie die Automobilindustrie eine Pflicht zur Hardware-Umrüstung für alte Diesel.

Dafür sind seine Produkte wahre Goldesel und bescheren den Aktionären seines Unternehmens Jahr um Jahr steigende Börsenkurse und saftige Dividenden.

Nehmen wir nur das neue Nessiquickie-Kakaopulver in der praktischen 1.000 g Vorratsbox.

Die Kalkulation*:

  • 750 g Zucker                                   = 20 Cent
  • 200 g Kakao                                    = 40 Cent
  • 50 g Aromen/sonstiger Mist       = 10 Cent (die Entwicklungsabteilung hasst es, wenn “Aromen und sonstiger Mist” sagt)
  • Verpackung                                     = 30 Cent

Im Supermarkt wird der in der Herstellung 1 € teure „extra schokoladige Trinkgenuss“ (rechtlich absolut nicht zu beanstanden) dann für sage und schreibe
4,99 € stehen. Klar bekommt der Handel noch seinen Anteil, aber das kann man in Kauf nehmen.

Hauptsache, uns bleibt die Lebensmittelampel erspart, denkt Schröder mit leichter Gänsehaut. Denn ein röteres Rot als für Nessiquickie würde wohl kaum ein Produkt bekommen.

Dafür muss man der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz dann eben ab und zu mal einen Knochen hinwerfen. Außerdem hat sie sich in den letzten Jahren auch brav benommen und die Ampel in Brüssel immer wieder erfolgreich torpediert.

Und dieses gemeinsame Video-Statement auf Twitter. Wirklich gelungen. Schröder ist stolz auf sich – auch, weil es ihm gelungen ist, bei „freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie“ und „mündiger Verbraucher“ den drohenden Lachanfall zu unterdrücken.

Und wenn statt 750 g Zucker in fünf Jahren dann nur noch 720 g in dem Plörrepulver sein dürfen? Wenn schon, das wird man dann schon irgendwie abfedern können.

Tatsächlich sucht seine Entwicklungsabteilung bereits seit sechs Monaten nach einem Füllstoff, der noch günstiger ist als Zucker – und hat schon erste vielversprechende Resultate vorzuweisen: ein geschmacksfreies und vollständig biologisch abbaubares Mikrogranulat auf Basis von recycelten Plastikverpackungen.

Das sind Momente, in denen Schröder eine Erektion am Arbeitsplatz nur sehr schwer unterdrücken kann.

 

*Die Zahlen der Kalkulation sind, soweit verfügbar, echte Weltmarktpreise des Jahres 2019.


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Hier eine kurze Vorstellung.

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