Genau hingehört: Von der Respektrente zum RespektlohnLesedauer 2 Min.

Der Mindestlohn in Deutschland liegt inzwischen bei 9,19 € brutto pro Stunde. 2020 wird er auf 9,35 € steigen. Das Wörtchen “Mindest” kann ja nun zu dem Glauben verführen, dass man davon auch im Alter leben kann. Anders gesagt: Wer den Mindestlohn verdient, hat logischerweise auch eine Rente, die über dem Existenzminimum liegt, richtig?

Leider falsch

Wer mehr im Alter mehr als die Grundsicherung – ein schönes Wort für Hartz 4 – haben will, braucht aber mehr als den Mindestlohn. Deutlich mehr.

Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage müssen Arbeitnehmer nämlich im Jahr mehr als 23 000 Euro brutto verdienen, um nach um nach 45 Beitragsjahren – für viele Berufe auch eine stolze Vorannahme – eine Rente zu erhalten, die über der Grundsicherung liegt.

Das wären pro Stunde 11,89 € brutto, also über 25 % mehr, als für 2020 geplant ist.

Die Ausgebeuteten

Laut dem Statistischen Bundesamt erhielten 2018 ca. 1,4 Millionen Menschen den Mindestlohn, dürfen sich also schon gedanklich auf ein Leben in Altersarmut einstellen. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl von München. Vielleicht ein schlechtes Beispiel, denn wer den Mindestlohn verdient, dürfte wohl überall wohnen, nur nicht in München …

Im Niedriglohnsektor – unter 10 € brutto pro Stunde – arbeiten in Deutschland inzwischen ca. 20 % aller Arbeitnehmer. Wer sich fragt, wo radikale Parteien ihren Nährboden finden, hat hier einen Teil der Antwort: bei den Abgehängten, bei denen, die angesichts solcher Zahlen den eigenen Absturz fürchten und, last not least bei denen, die sich fragen, wie wir zukünftig für weitere 20 % der Bevölkerung dauerhafte Transferleistungen aus Steuermitteln stemmen sollen.

Die richtig Abgehängten (oder sollte man sagen: die Betrogenen?) bekommen übrigens nicht einmal den Mindestlohn. Wie viele es sind?  Da gehen die Schätzungen auseinander und reichen von 800.000 (Statistisches Bundeamt) bis 6,7 Millionen (DIW auf Basis der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit).

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Und jetzt?

Was können die Betroffenen selbst tun? Antwort: Herzlich wenig.

Denn an eine zusätzliche private Altersvorsorge ist bei einem Leben mit Mindestlohn kaum zu denken.

Weiterbildung? Sicher wird es dem einen oder anderen mithilfe beruflicher Qualifikation gelingen, dem Prekariat zu entkommen, und eine besser bezahlte Arbeit zu finden. Aber eine Gesellschaft ohne Friseure, Paketboten usw. ist zumindest auf absehbare Zeit nicht vorstellbar. Dort wird der Mindestlohn aber noch lange Realität bleiben.

Die Kommunikation muss sich ändern

Die logische Konsequenz? Statt über eine “Respektrente” müssen wir über einen “Respektlohn” sprechen. Anders gesagt: Wer Vollzeit arbeitet, dem muss ein Leben über der Grundsicherung garantiert sein. Auch im Alter.

Und es ist Zeit, die Einhaltung dieser Regeln strikt zu kontrollieren und durchzusetzen. Arbeitgeber, die diese Regeln mutwillig oder fahrlässig unterlaufen, müssen dafür gerade stehen. Freiwillige Selbstverpflichtungen und blumige Absichtserklärungen sind, wie bei vielen anderen Themen, – Stichwort z. b. Lebensmittelkennzeichnung – keine Option.

Was kostet’s , was bringt’s?

Klar, dass es aus den Lobbyverbänden und Wirtschaftsinstituten einen Aufschrei geben wird, wenn man den Mindestlohn erhöht. Die Keule der drohenden Massenarbeitslosigkeit wird ausgepackt werden, daran gibt es keinen Zweifel.

Man kann sich allerdings fragen, wie ernst man das nehmen sollte. Ist bei der Einführung des Mindestlohns der viel beschworene Untergang des Abendlandes eingetreten? Eben.

Fließen gerade Lohnerhöhungen im Niedriglohnsektor direkt zurück in den Konsum? Ja. Wird das weiten Teilen der deutschen Wirtschaft helfen und die Abhängigkeit vom Export verringern? Auch ja.

Last not least und jenseits von wirtschaftlichen Überlegungen: Wird es unsere demokratische Gemeinschaft stärken, wenn 20 % der Arbeitnehmer sich respektiert fühlen und sich auf ein Leben ohne Altersarmut freuen können?

Diese Frage beantwortet sich von selbst.

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