Selbst schuld am Burn-out? Von wegen.Lesedauer 4 Min.

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Immer mehr Menschen leiden an einer Burn-out-Erkrankung. Das muss an den Menschen liegen, den sonst würden sie ja nicht krank werden. Du bist anderer Meinung? Dann solltest du weiterlesen, denn wenn es um die Lösung des Problems geht, stehen systematisch nur die Betroffenen im Mittelpunkt und nicht ihre Umwelt, genauer gesagt ihre Arbeitswelt.

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Praktisch für die Arbeitgeber, möchte man denken …

Der individualistische Fehlschluss

Medizinisch gesehen gibt es Burn-out als Erkrankung eigentlich nicht. Wer sich mit den entsprechenden Symptomen in ärztliche Behandlung begibt, erhält meistens die Diagnose “Depression” und/oder “Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung”.
So wichtig es ist, dass der Betroffene eine entsprechende Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie erhält, um sich zu erholen, so schnell verschwindet aber auch die Verantwortung seiner Umwelt aus dem Blickfeld, sobald Ärzte und Krankenkassen eingeschaltet sind. Verwunderlich möchte man meinen, ziehen sich doch die wenigstens Patienten einen Burn-out während der Ausübung ihrer Hobbies zu, sondern eher im Zusammenhang mit ihrer Arbeit. Bezogen auf sein Unternehmen verschwindet der Arbeitnehmer mit dem Tag der Krankschreibung buchstäblich von der Bildfläche. Im selben Moment verliert er damit auch die Deutungshoheit über die Gründe für seine Erkrankung und es dürfte eher unwahrscheinlich sein, dass ein Unternehmen gegenüber der Belegschaft die Schuld für die Misere übernimmt.

Wiedereingliederung

Für den Betroffenen ist das medizinische System zuständig – und das nimmt nur Einfluss auf den Patienten. Ein perfektes Beispiel ist die sogenannte Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell, die häufig am Ende einer Behandlung steht: Der Erkrankte erhält für einen begrenzten Zeitraum die Möglichkeit, mit weniger Verantwortung, Aufgaben und Arbeitszeit an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Schrittweise wird die Belastung dann wieder auf das “Normalmaß” hochgefahren, also das, das für eine Erkrankung zumindest mitverantwortlich war. Medikamente und ein durch Psychotherapie verändertes Verhalten sollen dazu führen, das ein erneuter Burn-out verhindert wird. Eine verpflichtende Überprüfung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsbedingungen (Führungskraft, Workload, räumliche Bedingungen usw.), die zu dem Burn-out geführt haben, findet aber nicht statt.

Burn-out als normale Reaktion

Wenn man sich viele Arbeitsplätze ansieht, könnte man etwas polemisch fragen, ob ein Burn-out nicht die einzig normale Reaktion auf die Belastungen ist, denen der Betroffenen ausgesetzt war. Man stelle sich einen Tierversuch vor, in dem das entsprechende Versuchkaninchen – bei Ratten, Affen und Fruchtfliegen dürften die Ergebnisse ähnlich sein – über einen längeren Zeitraum mit Dauerstress, unerreichbaren oder sich widersprechenden Zielen, dem Ausbleibendem von oder ausschließlich negativem Feedback, räumlicher Enge, Schlafentzug, Reizüberflutung, Informationsoverload usw. konfrontiert wird.

Was ist mit den Resistenten?

In solchen Diskussionen lässt dann der Widerspruch nicht lange auf sich warten. Ja, ja, heißt es dann. Aber es kriegen ja nicht alle Burn-out. Einige können den Stress und die Belastungen ja offensichtlich gut ertragen. Darauf gibt es zwei Antworten:

  1. Ja, aber es werden, den Zahlen der Krankenkassen nach zu urteilen, immer weniger.
  2. Wörter wie “ertragen” oder “aushalten” sind entlarvend. Ist das das Beste, was man von einem erfolgreich bewältigen Arbeitsleben noch erwarten kann? Wörter wie Zufriedenheit, Glück, Spaß, Erfüllung scheinen kein Kriterium mehr zu sein.

Löst man sich von der Frage der individuellen Verantwortung für eine Erkrankung, kommt es dann oft zum zweiten Fehlschluss.

Generalistischer Fehlschluss

Kein Wunder in dieser Branche / in diesem wirtschaftlichen Umfeld / im Kapitalismus, hört man. Da muss es ja zwangsläufig zu einer steigenden Zahl von Burn-out-Erkrankten kommen. Das ist eben der Preis, den wir zahlen müssen. Über das wofür könnte man auch einmal nachdenken, das führt hier aber zu weit. Aber was passiert hier? Blitzschnell wird die Erkrankung Burn-out auf eine so hohe Ebene gehoben, das jegliche Gegenwehr sinnlos erscheint. Und es gibt immer einen Grund, warum die steigende Zahl der Erkrankungen scheinbar unvermeidlich ist.

Die Wirtschaft läuft gut? Kein Wunder, dass sich alle mehr ins Zeug legen müssen. Steigende Burn-out-Zahlen unvermeidlich. Die Wirtschaft läuft schlecht? Kein Wunder, dass sich alle mehr ins Zeug legen müssen. Steigende Burn-out-Zahlen unvermeidlich.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Was aber sofort aus dem Fokus gerät: die konkreten Arbeitsbedingungen des Betroffenen, der erkrankt. Auf der abstrakten Ebene des Marktes oder des Kapitalismus ist individuelle Gegenwehr zwecklos, Fatalismus die normale Reaktion. Die polemische Frage, ob man den glaube, dass man den Kapitalismus abschaffen könne oder den Sozialismus bevorzuge, macht jeden Kritiker in Sekundenschnelle mundtot. Die Frage nach Veränderungen an einem bestimmten Arbeitsplatz oder innerhalb eines konkreten Unternehmens verschwindet vom Radar – und damit alle Möglichkeiten einer Veränderung der Umwelt.

Nebenbei gesagt, könnte man auch polemisch zurückfragen: Ist ein “Kapitalismus mit menschlichem Anlitz nicht denkbar? Lassen sich keine Unternehmen, keine Strukturen, kein Wirtschaftssystem schaffen, in der die Anzahl der Burn-out-Erkrankten wieder sinkt? Anders gefragt: Haben wir es mit einem unvermeidlichen Kollateralschaden von Wachstum und Wohlstand zu tun, bei dem die Zahl der Opfer mit den zunehmenden Segnungen von Wachstum und Wohlstand zwangsweise mitsteigt? Und welche Art von Wohlstand ist das dann? Würden wir das Argument für Verkehrstote auch so einfach gelten lassen, frei nach dem Motto: Mehr Autos auf den Straßen bedeutet eben mehr Tote. Bedauerlich, aber nicht zu ändern.

Die richtigen Worte finden

Vielleicht würde es schon helfen, wenn man die Dinge einmal bei einem anderen Namen nennen würde. Burn-out impliziert nämlich sofort zwei Dinge:

  1. Es handelt sich um das Problem einer Person, nicht ihres Unternehmens / ihrer Branche / des Systems.
  2. Diese Person hat einen Fehler gemacht. Sonst hätte sie sich ja nicht verbrannt.

Und schon ist man, wie oben beschrieben, im individualistischen und/oder generalistischen Fehlschluss gefangen.

Wie wäre es mit einem Begriff wie “arbeitsplatzbedingtem Ausbrennen”? Oder einer englischen Begriffsschöpfung, damit es ein wenig beeindruckender klingt: “Corporate Burn Victim” (CBV)? Wir würden das betroffene Individuum nicht aus den Augen verlieren. Aber auch nicht die Umwelt, in der es sich seine Erkrankung zugezogen hat. Und wir müssten mit der gleichen Energie Veränderungen beim Anbieter des jeweiligen Arbeitsplatzes einfordern, wie wir es beim Betroffenen tun. Bildlich gesprochen: Medikamente und Psychotherapie für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

Suche nicht den Schuldigen, sondern löse das Problem

Es geschieht bei diesem Thema sehr schnell, dass man in die Diskussion über die Schuldfrage abgleitet. Das ist allerdings wenig hilfreich, um Veränderungen herbeizuführen, die dringend notwendig sind, z. B.

  • Engere Verzahnung zwischen der Behandlung des Betroffenem und strukturelle Veränderungen an seinem ehemaligen und häufig auch wieder zukünftigem Arbeitsplatz
  • Systematische Überprüfung von Arbeitsplätzen auf Burn-out-Risiken und entsprechende Prävention
  • Frühzeitige Ansprache und Hilfe für Betroffene
  • Enttabuisierung des Themas
  • Aufbrechen der einseitigen Zurechnung auf den erkrankten Arbeitnehmer
  • usw.

Ich freue mich über deine Kommentare und Gedanken zu diesem Thema.

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