Work-Life-Balance: Der Mythos der Waage

Mythos Work-Life-Balance

Kaum ein Ratgeber zum Thema Stress kommt ohne den Begriff der “Work-Life-Balance” aus. “Achten Sie auf Ihre Work-Life-Balance”, liest man da. “Sorgen Sie dafür, dass in Ihrem Leben auch positive Aktivitäten neben der Arbeit ihren Platz haben.” Eine Google-Suche liefert unglaubliche 90 Millionen Treffer zum Begriff der Work-Life-Balance.

Begrifflichkeit

Dabei sollte uns schon der Begriff  “Work-Life-Balance” etwas stutzig werden lassen. Es gibt also “Leben” und – strikt davon getrennt auf der anderen Seite der Waagschale – “Arbeit”. Eine Gut-Böse-Analogie drängt sich förmlich auf. Offensichtlich stehen die beiden in einer Art Konkurrenzverhältnis zueinander und müssen sorgsam ausbalanciert werden. Und auch eine Vermischung scheint nicht erstrebenswert.
Sicherlich spricht einiges dafür, nicht 24 Stunden am Tag an seinem Arbeitsplatz zuzubringen. Und genauso wenig erstrebenswert wird es für die meisten von uns sein, den ganzen Tag nur den eigenen Hobbies nachzugehen (auch wenn das im ersten Moment verlockend erscheinen mag). Vielen Arbeitnehmern gibt Ihre Arbeit neben dem Gehalt auch Selbstbestätigung, soziale Kontakte usw. Was auch erklärt, warum sich nicht wenige Menschen nach dem lang ersehnten Eintritt in die Rente erst einmal mit diesem Abschnitt ihres Lebens anfreunden müssen.
Problematisch wird es, um im Bild zu bleiben, wenn sich unsere Waagschale “Arbeit” immer weiter füllt und unsere Gegenstrategie lautet: dann muss auch mehr in die “Life”-Waagschale. Mehr Sport,
mehr Yoga, mehr Freunde besuchen, mehr mit der Familie unternehmen etc.

Führt man sich vor Augen, dass psychische Erkrankungen – allen voran Depression und Burnout – inzwischen auf Platz 2 der Gründe für Arbeitsunfähigkeit bei deutschen Arbeitnehmern stehen, bekommt das Thema eine traurige Brisanz.

Wenn man alles in eine Waagschale wirft …

Denn das birgt zwei gewaltige Probleme:

  1. Wenn der erlebte Stresspegel schon hoch genug ist, fühlen sich “Life”-Aktivitäten, die man früher genießen konnte, plötzlich immer mehr wie Arbeit an. “Stress in der Arbeit – und jetzt muss ich auch noch ins Fitness-Studio. Dabei hat es mir doch früher so viel Spaß gemacht.” Menschen mit Depressionen oder Burnout können von dieser traurigen Erkenntnis ein Lied singen.
  2. Sehr häufig ist nicht der Stress das Problem, sondern die Art wie wir damit umgehen. Gedanken wie:
  • “Ich muss das schaffen.”
  • “Andere können das doch auch.”
  • “An meinem Unglück ist der Vorgesetzte / Kollege / Partner schuld”
  • “Ich darf diesen Job nicht verlieren.”

lassen sich letztlich auch nicht durch die beste “Life”-Ablenkung beheben. Oder wie ein alter Spruch der Alkoholiker lautet: Wir haben versucht, unsere Probleme zu ersäufen. Leider haben wir gemerkt, dass die verdammten Dinger schwimmen können. 

Jenseits der Work-Life-Balance

Was also tun? Mehr Life? Weniger Work? Oder müssen wir diese Art zu Denken über Bord werfen und nach einer Integration von Work und Life suchen? Arbeit, die uns mit Sinn erfüllt und Freude macht? Und in einem Umfang, der uns Zeit für Familie, Hobbies usw. auch vor 22:00 Uhr lässt?

Verabschieden wir uns besser von der Vorstellung, wir könnten über einen (jahrzehnte)langen Zeitraum einer Beschäftigung nachgehen, die wir als stark belastend und sinnlos empfinden, wenn wir nur genug Ausgleich zur Arbeit schaffen. Solche Versuche führen bestenfalls zu einem Erdulden der Situation. Im schlechtesten Fall sind sie Wege in Erkrankungen wie Depression und Burnout.

Ein Test

Zum Schluss ein einfacher Selbsttest:

  • Schläfst du am Sonntag besonders schlecht, weil du montags wieder zur Arbeit musst?
  • Freust du Dich immer weniger an deinen Freizeitaktivitäten oder empfindest du diese sogar als zusätzliche “Aufgaben”, die abgearbeitet werden müssen?
  • Hast du das Gefühl, Freude und Sinn in deinem Leben nur außerhalb deiner Arbeit zu finden?

Wenn du diese Fragen mit “ja” beantwortet hast, ist es Zeit, an der Vorstellung einer “Work-Life-Balance” zu zweifeln.

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