Drei Minuten mit Richard Bandler (Teil 1)

Heute geht es um einen kurzen Videoausschnitt aus einer meisterhaften Therapie-Sitzung von Richard Bandler. Das Video findet sich auf Youtube.

Die Marshall Tapes

Fast jeder, der im NLP eine Ausbildung genossen hat, wird schon einmal das Buch “Bitte verändern Sie sich … jetzt” oder auf Englisch “Magic in Action”  in der Hand gehabt haben. Darin finden sich Transkripte von Therapie-Sitzungen Bandlers aus den frühen Achtziger Jahren, die sogenannten “Marshall Tapes” (nach dem Namen der Marshall University in Huntington, West Virginia).  Es handelt sich um insgesamt sieben Therapie-Sitzungen zu verschiedenen Themen wie Glaubenssätzen oder Gewichtskontrolle. Als ich das Buch Mitte der Neunziger Jahre zum ersten Mal las, war es noch kaum möglich, Videos von Richard Bandler in die Hand zu bekommen. Die Transkripte gaben zum ersten Mal einen Eindruck seiner Arbeit, aber natürlich fehlte Vieles, was seine Arbeit ausmacht.  Die deutsche Übersetzung machte es auch nicht unbedingt leichter, seinen Interventionen zu folgen.

Hier die Links zum  deutschen und englischen Buch:

Wer 175 englische Pfund (ca. 200 Euro) übrig hat, kann sich hier auch die DVD mit drei der Sitzungen bestellen.

Letztes Jahr stieß ich dann auf Youtube auf ein knapp dreiminütiges Video, das Richard Bandler bei der Arbeit mit einer Klientin zeigt. Der Dialog kam mir merkwürdig bekannt vor. Und dann realisierte ich, dass es sich um eine der “Magic in Action”-Sitzungen handelt.

Genauer gesagt geht es um die Arbeit mit Susan. Sie leidet unter Panikattacken, wenn Menschen sich verspäten.

In diesem Artikel stelle ich Richard Bandlers Interventionen in diesem kurzen Video-Ausschnitt im Detail vor. Obwohl ich den kurzen Clip nun schon oft gesehen habe, bin ich immer wieder beeindruckt von der Klarheit und Eleganz, mit der Richard Bandler die Grundhaltung und die Techniken des NLP einsetzt. Im besten Sinne also “walk what you talk”.

Das Video

Hier der Link zum Video:

Die Analyse – Teil 1

Das Video steigt an der Stelle ein, an der Richard das Modell der Klientin untersucht, also: Wie erzeugt Sie die Panik, wenn Menschen sich verspäten?

Transkript

Bandler: “But how do you do it? How do you get the panic?
Susan: You mean what feelings do I get?
Bandler: Let’s say I had to fill in for you for a day, okay?
Susan: Uhm.
Bandler: One of the parts of my jobs would be if somebody was late I had to get the panic for you. What would I do inside my had to get the panic?

Interpretation

In diesem kurzen Abschnitt steckt schon eine ganze Menge.

Auf Bandlers erste Frage bekommt er von Susan schon erste unbewusste Reaktionen bzw. Zugangshinweise, wie sie die Panik entwickelt.

Susan geht diesen Prozess sehr schnell durch, in ihrem Bewusstsein taucht nur das Ergebnis auf: das Gefühl der Panik. Das lässt sich dann an Ihrer Frage “You mean what feelings do I get?” sehr schön erkennen.

Bandler nutzt nun eine Technik, die man bei ihm häufig erleben kann. “Ich übernehme den Job für Sie, aber Sie müssen mir beibringen, wie es geht.” Man kann diese Intervention als ein Reframing auf mehreren Ebenen verstehen:

  • Diese Panik ist etwas, das Sie abgeben können.
  • Die Panik ist nur “part of my job”. Es gibt noch eine ganze Menge andere Dinge in Ihrem Leben.
  • Sie beherrschen (!) das Entwickeln einer Panik meisterhaft und können es mir beibringen. (Am Ende des Transkripts sagt sie auch “Ich bin der Meister der Panik,”)
  • Sie sind nicht in Therapie wegen eines Problems, sondern unterrichten mich.

In gewissem Sinn steckt in Bandlers Intervention auch eine Dissoziation: Sie können sich für einen Moment aus Ihrem Modell (Panik beim Zuspätkommen) befreien und mir den Prozess erklären, ohne in Panik zu geraten.

Last not least geht es Bandler auch darum, Ihre Strategie zu elizitieren und darauf seine Intervention aufzubauen. Das zeigt sich im nächsten Abschnitt sehr gut.

Die Analyse – Teil 2

Transkript

Susan:  You start telling yourself sentences like…
Richard:  I’ve got to talk to myself.
Susan:  Uhm. So and so is late, look they’re not here.  That means that they may never come.
Richard:  Do I say this casually, in a casual tone of voice?
Susan:  No.
Richard: They’re late… I think I’ll panic now.
Susan:  No, you start out slowly…
Bandler: slowly
Susan: because you start saying, they still have time.  I’ll give them another half an hour and if they’re not here by then…
Richard:  I’ll panic.  That gives you half an hour to change the speed of the internal dialogue.
Susan:  But as the time goes on it begins to build.

Interpretation

Susan beginnt nun ihren internen Monolog vorzustellen. Bandler arbeitet die Submodalitäten heraus, also nicht nur was sagt sie zu sich selbst, sondern auch wie. Es zeigt sich, dass die Geschwindigkeit ihres innen Monologes über die Zeit schneller wird.

Den Satz “That gives you half an hour to change the speed of the internal dialogue” kann man auch als Suggestion in Richtung einer Verbesserung verstehen. Susan wird innerhalb der nächsten dreißig Minuten lernen, die Geschwindigkeit ihres inneren Monologes zu verändern.

Der Satz “so and so is late, look they’re not here.  That means that they may never come” ist aus zwei Gründen besonders interessant.

  • “look” verweist auf Bilder, die Susan in ihrem Kopf erzeugt. Diesen Hinweis nutzt Bandler dann auch im nächsten Schritt
  • “that means” kann man als Bedeutungsreframing im Sinne von “X bedeutet Y” begreifen oder als einen Glaubenssatz: “Wenn jemand nicht pünktlich da ist, kommt er nie wieder” .

Was der Text nicht zeigt

Einige Punkte, die sich nur durch das Lesen des Transkriptes nicht erkennen lassen:

  1. Humor: Richard imitiert und übertreibt den “casual tone of voice”, also die leicht gelangweilte Stimme, und bringt Susan zum Lachen. Er nutzt diesen Moment zum einen aber auch, um tiefer in ihr Modell einzusteigen und zum anderen, um ihr zu zeigen, dass ein innerer Monolog auch anders klingen könnte. In einer anderen Sitzung kann man Bandler auch mit einem Lachen sagen hören:  “It’s your own fucking internal dialogue. So change it, man.”
    Auch als er Susans Satz mit “I wil panic” vollendet, lacht sie. Das kann als Suggestion im Sinne eines “Ich übernehme den Job für Sie” verstanden werden.
    In diesem Sinne setzt Bandler Humor selten nur ein, um Rapport aufzubauen oder zu vertiefen. Meistens beinhaltet ein Scherz weitere Interventionen.
  2. Nonverbaler Zugangshinweis 1: Man kann an Susans Handbewegung gut erkennen, wie sich der innere Monolog beschleunigt.
  3. Nonverbaler Zugangshinweis 2: Susans Blick ist erkennbar nach unten gerichtet, als Sie ihren inneren Dialog erklärt. Man erkennt die “Telefonhaltung”. Das ändert sich radikal, als Bandler im folgenden Abschnitt den visuellen Teil ihrer Strategie elizitiert.

Hier zwei Screenshots:

Wir sind jetzt erst eine Minute in diesem Video. Erstaunlich, was schon alles geschehen ist, oder? Bald widmen wir uns dem nächsten Teil. Es bleibt spannend…

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